|
Aufgewachsen ist Peter Drucker am Kaasgraben, einer beschaulichen, auch heute noch verkehrsarmen Allee im Wiener Nobelvorort Döbling. Sein Vater Adolph war hoher Staatsbeamter, seine Mutter Caroline war Ärztin. Die Druckers wohnten in einem von Josef Hoffmann entworfenen Doppelhaus, das man mit der Familie des Musikhistorikers und Komponisten Egon Wellesz teilte, der zum engsten Kreis um den Dichter Hugo von Hofmannsthal gehörte. Montags, mittwochs und freitags veranstalteten Druckers Eltern in dem Haus Abendgesellschaften. Staatsbeamte, Juristen, Ärzte, Psychologen und Wissenschafter, vor allem aus dem "Wiener Kreis", trafen dort zusammen. Peter Drucker durfte schon in jungen Jahren daran teilnehmen: "Das war eigentlich meine Erziehung." Gegen halb Zehn musste Drucker allerdings zu Bett, gegen halb Elf mussten die übrigen Teilnehmer der Soireen aufbrechen, um die "letzte Blaue", die an ihrer blauen Beleuchtung erkennbare, letzte fahrplanmäßige Straßenbahn in Richtung Stadtmitte noch zu erreichen.
Zu den regelmäßigen Gästen im Hause Drucker zählten auch die Nationalökonomen Schumpeter, Hayek und Mises, mit denen Druckers Vater beruflich in seiner Funktion als Direktor des k.u.k. Handelsmuseums zu tun hatte. Mehr freundschaftlicher Art war die Beziehung von Druckers Vater zu den tschechischen Spitzenpolitikern Tomas und Jan Masaryk, die ebenfalls häufig zu Gast waren. Hans Kelsen, der mit der jüngsten Schwester von Druckers Mutter verheiratet war, gehörte praktisch zur Familie, wenngleich Peter Drucker zu ihm kein sehr gutes Verhältnis hatte: "Ich konnte die Ultrarationalität meines Onkel Hans nicht ausstehen."
Statt dessen wurde der junge Drucker von Othmar Spann, dem "Romantiker" unter den Nationalökonomen, angezogen, den er heute als "großen Soziologen, aber doch sehr mittelmäßigen Volkswirtschaftler" einstuft. Spann hatte Drucker über seine Eltern kennengelernt, die zum "Schwarzwald-Kreis" um die Sozialreformerin Eugenia Schwarzwald gehörten. In Sommerhaus der "Genia" Schwarzwald in Grundlsee kam Drucker auch in freundschaftlichen Kontakt mit dem jungen Helmuth James von Moltke, der im Dritten Reich dann der klügste und visionärste Kopf des deutschen Widerstandes wurde.
>> Lehrjahre in Deutschland
|