Stimmen
von Peter Drucker an Richard Brem

 
 

Claremont, den 25. Mai 1999

Sehr geehrter Herr Brem;

die deutsche Uebersetzung meines Kierkegaard-Vortrags kam gerade an. I am overwhelmed! Die ist ja ganz hervorragend. Ich schliesse einen Brief an Herrn Hofbauer an, den ich Sie bitte ihm zu schicken (Ich schliesse auch eine Kopie fuer Sie an). Vielen herzlichen Dank.

Die Carl-Schmitt Anmerkung hat mich sehr amuesiert. Denn Schmitt hat offensichtlich vergessen - oder wollte es vergessen - dass er mich ja eigentlich ganz gut kannte. Aber bevor ich Ihnen die Geschichte erzaehle, darf ich sagen, dass Schmitt ein komplizierter Mensch war. Er war weder Philosemit - obwohl viele seiner besten Freunde Juden waren. Noch war er - jedenfalls vor Hitler, Anti-Semit. Er war in dieser Beziehung sehr wie Karl Lueger in Wien der ja sagte "Wer ein Jud' ist, bestimme ich"; und der es nicht mit seinem offiziellen Anti-Semitismus fuer unvereinbar hielt einen juedischen Arzt und einen juedischen Rechtsanwalt zu haben. Schmitt's Schwaeche war erstens dass er - so wie Heidegger - politische Position und Macht haben wollte (was er von sich sagt in diesem Glossarium, dass er naemlich immer nur "Jurist" sein wollte, ist Unsinn (obwohl er selbst es vielleicht glaubte). Und zweitens hat er wie die meisten Leute der deutschen Rechte, fest daran geglaubt dass Leute wie er - gebildet, "gute Klasse", "Akademiker"- ja so einen plebeischen Ignoramus wie Hitler muehelos kontrollieren werden.

Aber ungleich Heidegger war er au fonds ein anstaendiger Mensch. Er hat seine juedischen Freunde beschuetzt so gut er es konnte waehrend Heidegger ja dadurch Karriere unter den Nazis machte, dass er die Juden denen er ALLES verdankte -- z.B. Husserl und dessen Sohn- verfolgt und denunziert hat. Heidegger war ein Schwein. Schmitt war nur eitel.

Und nun die Geschichte wie ich ihn kennen lernte. So um 1931 herum hatte Adenauer eine Idee. Er fuerchtete die Nazis - und damals haben die meisten sie noch nicht wirklich ernst genommen. Das Problem das Adenauer sah war dass das ZENTRUM (der Vorlaeufer der heutigen Christlich-Demokraten) - als eine katholische Partei fast keine Protestantischen Waehler hatte -- das Erbe von Bismarck's "Kulturkampf" war noch ganz lebendig. Und so hatten die "buergerlichen" Protestanten die Anti-Nazis waren, keine Partei - denn mit Stresemann's Tod in 1929 hat die Deutsche Volkspartei eigentlich aufgehoert zu funktionieren. Adenauer beschloss daher dass eine PROTESTANTISCHE Mittel-Konservative Buergerliche Partei gegruendet werden sollte und ueberredete einen der Minister des Bruening Kabinet - den fruehren Kapitaenleutenant Treviranus und einer der U-Boot Helden des Ersten Welt-Kriegs - die VOLKSKONSERVATIVE PARTEI zu gruenden. Und ich wurde -- warum weiss ich eigentlich nicht mehr - Jugendvorsitzender dieser neuen Partei (obwohl ich ja natuerlich nicht einmal deutscher Buerger war. Eine meiner Aufgaben war bekannte- oder beruehmte - Leute deren anti-Nazi Gesinnung bekannt war obwohl sie konservativ waren - aufzusuchen und zu ueberreden diese neue Partei oeffentlich zu unterstuetzen. Einer dieser Leute war Ernst Juenger - wie ich zu ihm kam habe ich vergessen. (Er hoerte mir zu lehnte es dann ab sich oeffentlich politisch zu erklaeren). Ein Anderer war Carl SCHMITT - und ich kam zu ihm da mein Doktor-Vater, Karl Strupp, der prominente Voelkerrechtler einer seiner engsten Freunde war (und Strupp war Jude - nach Hitler ging er nach Istanbul-- er starb dann an einem Herzanfall im Jahre 1940 in Bordeaux, ein paar Stunden bevor er Europa fuer Amerika verlassen haette). Strupp - das gehoert zur Geschichte - wollte dass ich mich in Frankfurt fuer Oeffentliches Recht habilitierte-- die STAHL Schrift ist ein Kapitel dessen was meine Habilitationsschrift werden sollte. Und ueberdies wollte die KOELNISCHE ZEITUNG -- eine der bedeutendsten und besten der damaligen deutschen Tageszeitungen mich als Aussenredakteur und fuer alles Nicht-Deutsche: Politik; Kultur; Wirtschaft usw. verantwortlich, engagieren -- und ich war sehr interessiert. Strupp fuehrte mich bei Schmitt ein. Schmitt war sehr sympathisch, hielt aber unsere Furcht ueber Hitler fuer total uebertrieben. Erstens war er ueberzeugt dass die Nazis nie zur Macht kommen wuerden -- "die Armee wird es nie erlauben". Zweitens war er aber auch todsicher dass die Alte Rechte, und insbesondere die Preussische Armee dieses "Gesindel" - ich glaube, er sagte "Baggage" doch muehelos kontrollieren wuerde. Aber zu mir war er besonders lieb. Er frug mich nach meinen Plaenen und ich erzaehlte ihm (a) dass sein Freund Strupp mich habilitieren wollte, und (b) dass die Koelnische Zeitung mich haben wollte (und ich hatte persoenliche Gruende warum Koeln mich sehr anzog -- das Maedchen in das ich damals sehr verliebt war -- nicht gegenseitig, leider - war die Tochter des Stellvertretenden Generalmusik-Direktors der Koelner Oper (Ich hatte natuerlich auch Familie in Koeln da die juengste Schwester meiner Mutter die Frau von Hans Kelsen war der damals an der Koelner Universitaet lehrte -- aber ich hatte nie viel fuer Kelsen uebrig, was nebenbei Schmitt sehr amuesierte, wenn ich mich recht erinnere). Aber er wurde ganz enthusiastisch als er herausbekam dass ich OTHMAR SPANN verehrte - und sehr gut kannte - den er hoch schaetzte (und der uebrigens der Anstaendigste Mann waehrend der Nazi-Zeit in Wien war und, nach dem Krieg dann wieder ein hochverehrter und guter Freund wurde) Und als ich dann Schmitt, auf dessen Frage, von der geplanten Habilitationsschrift erzaehlte-- der Titel war "DER RECHTSSTAAT" und es war als eine Biographie und Analyze von Wilhelm von Humboldt, Radowitz und Stahl geplant - war er auesserst beeindruckt -- obwohl es ihm natuerlich voellig klar war, dass meine philosophische Ueberzeugung gar nicht mit der seinigen resonierte (Viele Jahre spaeter habe ich dann gelernt dass der Kern der Politik nicht "Der Feind" ist sondern, im Gegenteil die Faehigkeit Feinde auf das was sie gemeinsam haben und teilen zusammenzubringen. Stresemann hat das gewusst, und Adenauer auch -- und das heutige Europa ist auf diese Einsicht Adenauer's aufgebaut. Aber ich habe das eigentlich erst verstanden als ich anfing Amerikanische Staatsphilosophie, z.B. The Federalist Papers zu studieren -- obwohl meine geplante Habilitationsschrift ja doch gerade dieses Thema hatte -- nur war ich mir dessen gar nicht bewusst). Schmitt - ich glaube ich habe zwei Tage mit ihm verbracht, gab mir nicht nur ausgezeichneten Rat-- ich sollte mich zuerst in Frankfurt habilitieren wo ich ja drei Sponsors hatte -- Strupp, den Rechtsphilosophen Baumgarten und den Staatsrechtler Giese - und dann das Angebot der Koelnischen Zeitung annehmen und nach Koeln uebersiedeln und dann versuchen die Privat-Dozentur von Frankfurt nach Koeln zu transferieren. UND DANN- ich weiss noch wie ueberrascht ich war - bot er mir an dass ER dann mein Habilitations-Vater in Koeln sein wuerde.

Zwei Jahre spaeter, d.h. im Fruehjahr 1933-- ich war schon in London - habe ich ihm dann das Stahl Buechlein geschickt. Und ich erhielt einen sehr netten Brief -- leider habe ich ihn schon lange verloren - in dem er mir gratulierte, das Buechlein hoch lobte und mich ersuchte doch das geplante groessere Buch zu schreiben. ..... Dass er sich daran nicht erinnerte -- schliesslich waren es ja zwanzig sehr schwere Jahre fuer ihn - ist ja nicht erstaunlich -- aber dass er mich dann als amerikanischen Schriftsteller identifizierte, hat mich doch amuesiert.

Aber genug Allotria aus meiner Jugendsuenden-Zeit. Nochmals herzlichen Dank fuer die Kierkegaard Uebersetzung -- und allerbeste Gruesse

Ihr PFD

 

>> Brief vom 25.3.2000: Drucker nimmt zur Publikationsgeschichte von "Adventures of a Bystander" Stellung.

 
 




 

 
Brief vom 25.5.1999: Drucker schildert seine Begegnung mit Carl Schmitt in den frühen 30er Jahren.

Brief vom 25.3.2000: Drucker nimmt zur Publikationsgeschichte von "Adventures of a Bystander" Stellung.

Brief vom 6.1.2001: Drucker erinnert sich, wie es zu seiner Tätigkeit beim "Frankfurter General-Anzeiger" gekommen ist.