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Claremont
January 6, 2001
Lieber, sehr geehrter Herr Brem; --- Ihr Fax vom 2. Jänner
Zuerst einmal meine herzlichsten Glueckwuensche fürs Neue Jahr. Hoffentlich wird es ein friedliches, gesundes und langweiliges werden -- wir brauchen nicht mehr Weltgeschichte zu erleben als wir es schon taten.
Und dann darf ich hoffentlich sagen, dass es mir ungeheuer imponiert, dass Sie nach Darmstadt gingen nur um dort den FRANKFURTER GENERAL-ANZEIGER zu finden -- dass es von dem Blatt ueberhaupt noch Exemplare gibt, ist erstaunlich! und was Sie mir berichteten, hat mich sehr amüsiert.
Sie schrieben, dass Sie überrascht waren, dass auf den ersten beiden Seiten so viel Nachrichten aus dem Ausland waren -- das war ganz bestimmte Redaktionspolitik und aus dieser Politik-Entscheidung her kam meine Anstellung. Anfangs, d.h. in 1928 wollte Dombrowski selbst die Aussenpolitischen Angelegenheiten betreuen, fand aber dann bald, dass es fuer ihn zuviel war. Und gleichzeitig, d.h. auch so um 1928 wurde beschlossen, einen Wirtschaftsteil zu machen -- bis dahin gab es nur einen Börsenbericht. Und der Börsen-Redakteur (er hiess Bilz) fand bald, dass das fuer ihn zuviel war. Daher wurde ich im Oktober 1929 engagiert, zuerst Bilz die Wirtschaftsredaktion und, dann ein paar Monate spaeter, Dombrowski die Aussenredaktion abzunehmen. Der Grund dieser Entscheidung - so nehme ich an - war wohl, um die Zeitung zu DER ZEITUNG Frankfurts zu machen als die - mit Recht - renommierte FRANKFURTER ZEITUNG eigentlich finanziell im Sterben lag (waehrend der General-Anzeiger unsagbar profitabel war), staendig an Zirkulation in Frankfurt (und damit an Anzeigen) verlor und nur durch grosse Subventionen liberaler Industrieller - vor allem der beiden BOSCH Brueder. d.h. Bosch und Daimler - am Leben blieb ... Was mich amuesiert sind Ihre Berichte von den Syndikats-Artikeln, d.h. von Churchill, Lloyd George, Kellog und dem hoch-angesehenen Aussenredakteur von Le Temps in Paris (dessen Namen ich vergessen habe); denn die waren ein Hauptgrund, warum ICH die neue Stellung im Herbst 1929 bekam -- denn viele dieser Artikel, z.b. Lloyd George und der Franzosen bekamen wir nicht auf Deutsch, sondern in der Original-Sprache -- und ich konnte sowohl Englisch wie Franzoesisch lesen. Was mich aber am meisten amuesierte, ist dass der Bericht ueber den New Yorker Börsenkrach vom Oktober '29 als Eig. Kabelmeldung gezeichnet wurde -- denn das war das Erste, das ich fuer den General-Anzeiger schrieb und der Beitrag, der mir den Job brachte (Allerdings war es eine "Kabelmeldung" - aber nicht für die Zeitung, die natürlich kein New Yorker Büro hatte, sondern für die Frankfurter Privatbank (Lazard Speyer-Elissen) bei der ich damals als Lehrling arbeitete -- ich habe diese Meldungen ins Deutsche uebersetzt und mit Schere und Kleister zusammengesetzt - und das wurde dann die "Eig. Kabelmeldung" .... Nebenbei -- ich wurde Anfang 1931 einer der drei Führenden Redakteure, konnte aber nicht als solcher gemeldet werden, da ich nicht Deutscher Bürger, sondern Oesterreicher war.
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