Stimmen
MARSHALL McLUHAN
"Der Mann, der kam um zu hören" (1971)

 
 

Das Wien, in dem Peter Drucker aufwuchs, stellte über Jahrhunderte hinweg einen kulturellen und ökonomischen Knotenpunkt dar. Erst in den letzten Jahren haben wir - bedingt durch die Entdeckungen von "Quantenmechanik" und "Interface" als Grundlagen des Wandels und des Fortschritts - begonnen, eine adäquate Sicht auf die Bedeutsamkeit einer solchen kulturellen Diversität zu entwickeln.

In diesem Sinne haben heute zum Beispiel die Stadtplaner begriffen, dass Blaupausen allein nicht genügten, um all die komplexen Werte hervorzubringen, die Wien auszeichneten und seinen Bewohnern bot. Unter den zahlreichen einzigartigen Schnittstellen Wiens ist die besondere Situation dieser Stadt als einer "Stadt in einem Land" hervorzuheben. Eine Konsequenz dieses Merkmals ist es, dass Wien lange Zeit selbst eine Art "Land" ["country"] war. Lange Zeit war es der Mittelpunkt des Heiligen Römischen Reiches. Der "Kleinstaat" ["ministate"] als eine der wesentlichen Entwicklungen in unserem Jahrhundert wird von Drucker in seinem letzten Buch The Age of Discontinuity betont: Um 1900 gab es weniger als fünfzig unabhängige Staaten [sovereignities] auf der ganzen Welt - zwanzig in Europa und zwanzig auf dem amerikanischen Kontinent, der Rest der Welt beinhaltete weniger als ein Dutzend . . . Nun haben wir es mit mehr als 160 zu tun und neue Kleinstaaten kommen beinahe jedes Monat hinzu.

Drucker impliziert dabei, ohne es ausdrücklich zu behaupten, dass sich diese rapide Dezentralisierung und die plötzlichen Errichtung von Ministerien [ministries] durch die Beschleunigung der Entwicklung der elektrisch-informationstechnologischen Einrichtungen begründet. Das Wien in welchem er geboren wurde, aufwuchs und seine Erziehung erhielt, umfaßte Byzanz und Deutschland, den Osten und den Westen, mit ihren jeweiligen Traditionen. Das ist der Grund, warum das Einfühlungsvermögen der Wiener naturgemäß eine erhöhte Aufmerksamkeit gegenüber den Künsten mit sich brachte. Zum üblichen Maß an Vertrautheit mit der Kunst im allgemeinen, gesellte sich bei Drucker eine spezielle Hinwendung zur Kunst Japans. Die Japaner sind große Meister des "taktilen Raumes", der Kunst des Intervalls. Die japanische Kunst des Blumensteckens ist weit mehr eine des Spationierens [spacings], denn eine des Zusammenbindens [connecting]. Die Geschicklichkeit der Japaner im Umgang mit der Welt der "Quantenmechanik" und der Elektronik wird in einem hohen Ausmaß durch diese ihre Kunst vorbereitet. Daher weist auch gerade der Titel von Druckers Age of Disontinuity zum einen auf die Anerkennung der orientalischen Kunst hin und zum anderen auf die westlichen Technologie. Mühelos könnte man sich länger bei der Bedeutsamkeit dieses weit gespannten Spektrums zwischen Sensibilität und Bewußtsein aufzuhalten, das aus Druckers Wiener Herkunft herrührt.

Als Sohn einer wohlhabenden und hochgradig kultivierten Familie, gewöhnt an den Umgang mit den großen Figuren dieses Lebensraumes (einschließlich der Sigmund Freuds), ließ sich Drucker auf deren jeweilige Gebiete - deutsche, englische und amerikanische - mit der Sicherheit eines Weltbürgers ein. Es ist dabei im Auge zu behalten, dass ein enzyklopädischer und internationaler kultureller Hintergrund unverzichtbar ist, wenn man es mit dem Leben im elektronischen Zeitalter zu tun hat.

Drucker ist mehr als jeder andere ein Beispiel der neu erwachten Relevanz antiker Traditionen für die Gegenwart. Seine juristische Ausbildung stellte kein Abweichen von den banktechnischen und ökonomischen Erfahrungen dar, die er im Haus seines Vaters vermittelt bekam. Sogar in der britischen und amerikanischen Welt, bleiben die juristischen Fakultäten die Erben der ältesten humanistischen Studien des Triviums und des Quadriviums. Der "Elisabethanische Mensch", oder auch der enzyklopädisch gebildete Humanist, die in unserer Zeit des ökologischen Bewußtseins wieder beginnen in Mode zu kommen, entstanden in der westlichen Welt vermittels des Konzepts vom doctus orator.

King Spider Walks The Velvet Roof Of Streams

Das Konzept der Resonanz beruft sich auf das Prinzip des Hörraums oder des akustischen Zwischenraums oder Intervalls. Es setzt sich gänzlich vom Euklidschen Konzept der Verbindung und von allen Ideen eines Kontinuums als Wirklichkeit der physikalischen Welt ab. Der Psychologe E. A. Bott, der sein Leben damit verbrachte, den akustischen Raum zu erforschen, definierte ihn als "eine vollkommene Sphäre, deren Zentrum überall ist und deren Grenzen nirgendwo". Diese Bestimmung der physikalischen Eigenschaften des akustischen Raumes konkurrieren mit den antiken neoplatonischen Vorstellungen von Gott. Die Idee des lógos im Timaios, oder in der Antike im Osten und im Westen insgesamt, nahmen die Resonanz als das gegebene Band des Seins an und somit als die natürliche Liaison zwischen der menschlichen Sprache und der gesamten physischen Welt. Es waren die Resonanz und die "Logistik" des Wortes, welche die völlige szientifische Vorherrschaft der Wissenschaften vom Menschen in der Antike sicherten. Redekunst und Weisheit waren daher für die Griechen und die Römer dasselbe - um nur bei der westlichen Welt zu bleiben. Diese Idee der Einheit allen Wissens und Seins ist es, die durch Entdeckungen wie die der Quantenmechanik ganz plötzlich wieder in der westlichen Welt auftauchte. Die Ökologen in all ihren Gestalten (die Öko-Bewegung [the ECO-Crowd]) wiederholt unwissentlich die ECHO-Welt des antiken lógos, wie auch die Welt der modernen, szientifischen Resonanz. Die unmittelbaren Geschwindigkeiten des elektrischen Zeitalters wiederholen notwendiger Weise die Charakteristika der antiken Resonanz und Harmonie als Norm in allem Anstrengungen des Wissens und der Organisation. Egal wie fragmentiert der Bürokrat oder Verwaltungsbeamte, der Spezialist, die Institution oder der Lebenslauf unseres Zeitalters sein mögen, die Resonanz der unmittelbaren Information erfüllt und durchdringt sie alle. Der moderne Spezialist ist gezwungen, sich zu den unwichtigsten Absichten integrativ zu verhalten.

Das signifikante Ergebnis der Belastungen, Traumatas und der endlosen Experimente des Apollo-Programms war eher soziologischer, denn technologischer Natur; Techniken, um die massierten Bemühungen von Zielen Tausender Gehirne zusammenwachsen zu lassen, die wechselweise Verbindung von Regierung, Universität und Privatindustrie zu intensivieren. Peter Drucker stieß auf das latente Vorhandensein dieser Muster antiker Forschung in jedem Bereich seiner Wiener Kultur, wie auch in seiner ökonomischen und juristischen Ausbildung. Paradoxerweise ist es die forensische Welt der Juristerei, in der die enzyklopädische Tradition der rhetorischen Weisheit Ciceros am lebendigsten geblieben ist. Aus diesem Grunde ist es nur allzu klar, dass die Vorbereitung auf eine politische Karriere in der westlichen Welt immer noch in der Rechtswissenschaft beginnt.

Zum enzyklopädischen Wissen Druckers haben viele Studien beigetragen, die er neben dem Studium der Recht unternahm; aber bloße Hinzutuung von Wissen, kann niemals den lebendigen Kern eines Lebensprinzips ersetzen. Druckers umfassende Bandbreite an Kenntnissen und sein Verständnis für Sprachen, Philosophie, Politik und ökonomische Organisation, seine in Zusammenhang bringende Art und Weise des Lernens, stimmt durchaus mit der gegenwärtigen Welt zusammen. Eine solche égk_klíos-paideía, als eine neue Pädagogik, mag heute als ein Trend unserer Zeit erscheinen, sie ist aber ein Effekt, der aus unserer elektronischen Technologie herrührt. Die letztere, mit ihrer Wiederentdeckung des Gleichzeitigkeitsprinzips und des akustischen Prinzips hat im Westen Cicero neu zur Geltung gebracht, wie der Computer im Osten das I Ching.

Theodor Lipps hat vor langer Zeit darauf hingewiesen, dass ein einzelner Klang einer Glocke, alle überhaupt möglichen Symphonien und Musiken enthält. Diese Zusammenstimmung [inclusiveness] und Gleichzeitigkeit der Erfahrung ist es, die das Bewußtsein in unserer Zeit wieder vereinigt. Dieselbe inkludierende Bewußtheit insistiert tiefgreifend im Bezug auf den Rückstand, der bei den fragmentarischen Forschungen und dem gesammelten klassifizierten Datenmaterial über die letzten Jahrhunderte der visuellen Organisation vorliegt.

Für den vielseitig versierten Drucker war es ein Leichtes, zum Pionier gegenwärtiger Betriebswirtschaftslehre zu werden, da die Geschäftswelt selbst tief in die Wissensindustrien eingebettet ist. In dem Maße, indem die modernen Industrien mehr und mehr Wissen verlangten (im Gegensatz zu bloßer Fertigungserfahrung), wurden die Druckers für das Funktionieren und für die Programmierung der Geschäftswelt unverzichtbar. Drucker hat sich selbst als einen "Psychiater ohne Zulassung" für die moderne Geschäftswelt bezeichnet. Sein Wiener Mitbürger Sigmund Freud entwickelte die moderne Psychiatrie zu einer Zeit, als die Organisation der Kleinfamilie unter der Wucht der modernen Industrie zusammenbrach. Drucker hat die Rolle übernommen, die äußeren Strukturen zu ordnen, genauso wie Freud dieselbe Aufgabe für die inneren Abläufe übernahm. Es kann ohne Schwierigkeiten gezeigt werden, dass Druckers Aktivitäten und Interessen für einen weitaus größeren Teil des Wiener Kulturspektrums und der Wiener Organisationsformen repräsentativ waren, wie die von Sigmund Freud. Freud und seine Nachfolger entdeckten, dass die Welt voll von Menschen ist, die Probleme haben, aber kein Publikum [audience]. Und sie entdeckten ebenfalls, dass diese Leute sehr glücklich waren, hohe Honorare an jeden zu bezahlen, der ihren Problemen lauschen wollte.

(Aus dem Englischen von Andreas Leopold Hofbauer)

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