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DER KIERKEGAARD-BOOM der letzten
paar Jahre läßt die ersten Ermüdungserscheinungen erkennen. Für
Kierkegaard hoffe ich, dass dieser Boom bald ganz in sich zusammenbricht.
Der Kierkegaard dieses literarischen Booms stellt sich als eine moderne
Geistesgröße dar, die sich von den anderen Mitgliedern im Kreis der Klugen
einzig und allein dadurch unterscheidet, schon vor hundert Jahren gelebt
zu haben. Ein solcher Kierkegaard der Psychologen, Existentialisten und
unterschiedlich ausgerichteter Ex- Marxisten hat nur wenig Ähnlichkeit mit
dem wirklichen Kierkegaard, der sich in keiner Weise für Psychologie oder
Dialektik interessierte (es sei denn, indem er die Unzulänglichkeit von
Psychologie und Dialektik aufzeigte); er selbst konzentrierte sich im
Gegensatz dazu ausschließlich auf die religiöse Erfahrung. Und dieser
wirkliche Kierkegaard ist es, der für unsere moderne Welt in ihrer Agonie
von Bedeutung ist. Bei ihm stoßen wir weder auf einen Heiligen, noch auf
einen Poeten, der uns die Scherben unserer Erfahrung wieder zu einem
Ganzen zusammenfügen soll; bei Kierkegaard handelt es sich letzten Endes
um einen Propheten.
Wie alle religiösen Denker
stellt Kierkegaard eine Frage ins Zentrum: Wie ist menschliche Existenz
möglich?
Für das gesamte 19.
Jahrhundert ist diese Frage - die einstmals die Kernfrage des westlichen
Denkens war - nicht nur hochgradig unmodisch; sie scheint sinnlos und
irrelevant. Die Ära wurde durch eine ganz andere Frage bestimmt: Wie
ist Gesellschaft möglich? Rousseau hat diese Frage gestellt, Hegel hat
sie gestellt, die klassischen Ökonomen haben sie gestellt. Marx hat sie
auf die eine Weise beantwortet, der liberale Protestantismus auf die
andere. In welcher Form sie aber auch immer gestellt sein worden mag, sie
muß immer zu einer Antwort führen, die jede Form menschlicher Existenz
jenseits der Gesellschaft ausschließt.
Rousseau hat diese Antwort für die ganze Ära des Fortschritts formuliert: was auch immer die
menschliche Existenz sein mag; welche Freiheiten, Rechte und Pflichten ein
Individuum haben mag; welche Bedeutung es für das menschliche Leben auch
geben mag - alles ist durch die Gesellschaft bestimmt, bestimmt durch die
objektive Notwendigkeit des Überlebens. Mit anderen Worten: das Individuum
ist nicht autonom. Es wird durch die Gesellschaft determiniert. Es ist nur
in denjenigen Angelegenheiten frei, die keine Rolle spielen. Es hat nur
insoweit Rechte, insoweit sie ihm von der Gesellschaft gewährt werden. Es
verfügt nur insoweit über einen Willen, insoweit es will, was die
Gesellschaft braucht. Sein Leben ist nur im Bezug auf die
gesellschaftliche Bedeutung von Bedeutung. Indem es sich selbst
verwirklicht, verwirklicht es die objektiven Ziele der Gesellschaft. Kurz
gesagt: Es gibt keine menschliche Existenz; es gibt ausschließlich
gesellschaftliche Existenz. Es gibt kein Individuum; es gibt nur den
Bürger.
Die Unterschiede zwischen
Rousseaus "allgemeinem Willen", Hegels Konzept der Geschichte als einer
Entfaltung der Ideen und der Marxschen Theorie der Bestimmtheit des
Einzelnen durch seine objektiv gegebene Klassensituation sind klar
ersichtlich. Sie geben aber alle die gleiche Antwort auf die Frage nach
der menschlichen Existenz: So etwas gibt es nicht; eine solche Frage gibt
es nicht! Ideen und Bürger existieren, aber keine Menschen. Was möglich
ist, ist bloß die Verwirklichung von Ideen in der und durch die
Gesellschaft.
Wenn man mit der Frage
Wie ist Gesellschaft möglich? beginnt, ohne zugleich auch zu fragen
Wie ist menschliche Existenz möglich?, dann landet man
unausweichlich bei einem negativen Konzept der individuellen Existenz und
der Freiheit: Die Freiheit des Einzelnen herrscht nur dann vor, solange
sie die Gesellschaft nicht stört. Folglich wird Freiheit etwas, dem
keinerlei Funktion zukommt und das keinerlei autonome Funktion an sich
besitzt. Sie wird zu einer ZweckmÄßigkeit, zu einer Angelegenheit der
politischen Strategie oder zu einem demagogischen Slogan. Sie ist nichts
lebendiges.
Freiheit jedoch als etwas
zu definieren, dem keine Funktion zukommt, heißt auch, die Existenz von
Freiheit überhaupt zu negieren. Nichts überlebt in einer Gesellschaft, das
keine Funktion inne hat. Das 19. Jahrhundert glaubte sich aber viel zu
sicher im Besitz der Freiheit, um das zu realisieren. Die damals
vorherrschende Meinung konnte nicht erkennen, dass die Ablehnung der Frage
Wie ist menschliche Freiheit möglich? zugleich auch die Bedeutung
der menschlichen Freiheit verneinte. Sie vermeinte tatsächlich in der
Frage Wie ist Gesellschaft möglich? den Schlüssel zum Evangelium
der Freiheit gefunden zu haben - vor allem deshalb, weil sie auf
gesellschaftliche Gleichheit abzielte. Und die Durchtrennung der alten
Fesseln der Ungleichheit schien gleichbedeutend mit der Durchsetzung der
Freiheit zu sein.
Heute wissen wir, dass das 19.
Jahrhundert töricht war. Nazismus und Kommunismus haben uns teures
Lehrgeld bezahlen lassen - es war eine wahrscheinlich weitaus teurere
Lehre, als wir sie uns leisten konnten; letztlich haben wir aber doch
gelernt, dass wir die Freiheit nicht erreichen können, wenn wir uns auf
die Frage Wie ist Gesellschaft möglich? beschränken. Es mag
stimmen, dass menschliche Existenz in Freiheit nicht möglich ist; was ja
tatsächlich von Hitler ebenso wie von den Kommunisten behauptet wurde,
weniger offen aber auch von all den wohlmeinenden social-engineers,
die sich der Sozialpsychologie, Propaganda, Umerziehung oder Verwaltung
verschrieben haben, und die das Individuum zu formen und zu modellieren
trachten. Schließlich kann aber die Frage Wie ist menschliche Existenz
möglich? nicht länger als irrelevant betrachtet werden. Für
diejenigen, die sich weiter dazu bekennen, an die Freiheit zu glauben,
gibt es keine wesentlichere Fragestellung.
Ich versuche damit nicht
nahezulegen, dass Kierkegaard der einzige Denker des 19. Jahrhunderts war,
der die Richtung erkannte, in die Rousseau die westliche Welt führte. Es
gab auch die Romantiker, von denen einige, vor allem in Frankreich, sehr
wohl fühlten, was im Kommen war. Da gab es die vergebliche und
selbstmörderische Revolte Nietzsches - ein Samson, dessen gigantische
Kraft nichts anderes niedergerissen hat als sich selbst. Da gab es vor
allem auch Balzac, der eine Gesellschaft analysierte, in der menschliche
Existenz nicht länger möglich war, und der ein Inferno zeichnete, das noch
schrecklicher ist als dasjenige Dantes, und in dem es darüber hinaus nicht
einmal ein Purgatorium gibt. Doch obgleich sie alle fragten, wie
menschliche Existenz möglich sei, so antwortete doch keiner außer
Kierkegaard.
KIERKEGAARDS Antwort ist einfach:
menschliche Existenz ist nur innerhalb einer Spannung möglich - innerhalb
der Spannung zwischen dem Leben des Menschen als Individuum im Geiste und
seinem gleichzeitigen Leben als ein Bürger in der Gesellschaft.
Kierkegaard hat diese fundamentale Spannung auf unterschiedliche Weise zum
Ausdruck gebracht - am klarsten und zentralsten dort, wo er sie als eine
Konsequenz der simultanen Existenz des Menschen in der Ewigkeit und in der
Zeit beschreibt. Er entlieh diese Formulierung bei Augustinus; sie stellt
den intellektuellen Höhepunkt der Bekenntnisse dar. Aber Kierkegaard gab
dieser Antithese eine Bedeutung, die weit über Augustinus' Spekulation
dialektischer Logik hinausgeht.
Eine Existenz in der Zeit ist eine Existenz als Bürger in dieser Welt.
In der Zeit essen wir, trinken wir und schlafen, wir kämpfen um zu Siegen
oder um unser Leben, wir ziehen Kinder und Gesellschaften groß, sind
erfolgreich oder scheitern. In der Zeit sterben wir aber auch. Und in der
Zeit bleibt nach unserem Tod nichts von uns. Aus diesem Grund existieren
wir in der Zeit nicht als Einzelne. Wir sind nur Artgenossen,
Verbindungsstücke in einer Kette der Generationen. Die Gattung hat ein
autonomes Leben in der Zeit inne, spezifische Eigenschaften und ein
autonomes Ziel; der einzelne Teil hat kein Leben, keine Merkmale und kein
Ziel jenseits seiner Gattung. Er existiert ausschließlich in und durch die
Gattung. Die Kette hat einen Anfang und ein Ende, jedes der
Verbindungsstücke dient nur dazu, eine Verbindlichkeit zwischen den
Verbindungsstücken der Vergangenheit und den Verbindungsstücken der
Zukunft herzustellen; außerhalb der Kette gibt es nur Makulatur. Das Rad
der Zeit dreht sich weiter, jedes Rädchen im Getriebe ist aber ersetz- und
austauschbar. Der Tod des Individuums bedeutet nicht das Ende der Gattung
oder der Gesellschaft, er beendet aber das Leben des Einzelnen in der
Zeit. Menschliche Existenz ist in der Zeit nicht möglich, nur die
Gesellschaft ist in der Zeit möglich.
In der Ewigkeit jedoch, im Reich des Geistes, "im Angesicht Gottes", um
eine von Kierkegaards bevorzugten Wendungen zu gebrauchen, ist es die
Gesellschaft, die nicht existiert, die nicht möglich ist. In der Ewigkeit
existiert nur der Einzelne. In der Ewigkeit ist ein jedweder Einzelner
einzigartig; er allein, gänzlich allein, ohne Nächste und Freunde, ohne
Frau und Kind, steht dem Geist in sich gegenüber. In der Zeit, in der
Sphäre der Gesellschaft, beginnt niemand am Anfang und hört am Ende auf;
jeder von uns empfängt von denjenigen, die uns vorhergingen, die Erbschaft
der Generationen, trägt sie einen winzigen Augenblick, um sie dann an
diejenigen weiterzugeben, die auf uns folgen. Im Geist aber beginnt und
endet jeder Mensch. Nichts, was seine Väter erfahren haben, kann ihm Hilfe
leisten. In schrecklicher Einsamkeit, in totaler, singulärer Vereinzelung,
steht er sich selbst gegenüber, als ob es nichts im ganzen Universum gäbe,
als den Geist in ihm selbst. Menschliche Existenz ist folglich eine
Existenz auf zwei Ebenen - Existenz in Spannung.
Es ist unmöglich auch nur eine Vorstellung von der Ewigkeit zu
gewinnen, indem man Zeit anhäuft; bloße Zeit, auch unendlich mehr Zeit,
wird immer nur Zeit bleiben. Und es ist ebenso unmöglich zur Zeit zu
gelangen, wenn man die Ewigkeit zu unterteilen versucht; die Ewigkeit ist
ununterteilbar und nicht meßbar. Daher gibt es nur eine simultane Existenz
auf beiden Ebenen, Existenz im Geist und Existenz in der Gesellschaft,
durch die menschliche Existenz möglich wird. Augustinus sagte, dass die
Zeit in der Ewigkeit sei, durch die Ewigkeit geschaffen und von ihr
abhängig. Kierkegaard wußte aber, dass die beiden auf zwei
unterschiedlichen Ebenen liegen, sich zueinander antithetisch verhalten
und inkompatibel sind. Und er wußte das nicht allein durch logische
Untersuchung und durch Selbstbeobachtung, sondern dadurch, dass er die
Realitäten des Lebens des 19. Jahrhunderts betrachtete.
Diese Antwort ist es, die das grundsätzliche Paradoxon der religiösen
Erfahrung konstituiert. Zu behaupten, dass menschliche Existenz nur in der
Spannung zwischen einer Existenz in der Ewigkeit und einer Existenz in der
Zeit möglich sei, heißt zu behaupten, dass menschliche Existenz nur
möglich sei, wenn sie unmöglich ist: Was für die Existenz auf der einen
Ebene erforderlich ist, wird durch eben diese Existenz auf der anderen
Ebene verhindert. Zum Beispiel erfordert die Existenz in der Gesellschaft,
dass die objektiven Notwendigkeiten des überlebens die Funktion und die
Handlungen der Bürger bestimmt. Eine Existenz im Geist ist hingegen nur
möglich, wenn es kein Gesetz und keine Regel jenseits der Person gibt, die
allein mit sich selbst und mit ihrem Gott ist. Weil der Mensch in der
Gesellschaft existieren muß, kann es keine Freiheit geben außer in
Angelegenheiten, die keine Rolle spielen; weil der Mensch aber auch im
Geist existieren muß, kann es kein gesellschaftliches Regulativ geben,
keinen gesellschaftlichen Zwang bei denjenigen Angelegenheiten, die eine
Rolle spielen. In der Gesellschaft kann ein Mensch nur als
Gesellschaftswesen existieren - als Ehemann, Vater, Kind, Nachbar,
Mitbürger. Im Geist kann der Mensch nur personal existieren - allein,
isoliert, gänzlich von den Mauern des eigenen Bewußtseins umgeben.
Die Existenz in der Gesellschaft verlangt, dass der Mensch die Sphäre
der gesellschaftlichen Werte und überzeugungen, der Belohnungen und
Strafen, als wirklich betrachtet. Existenz im Geist, "im Angesicht
Gottes", verlangt, dass der Mensch alle gesellschaftlichen Werte als bloße
Täuschungen ansieht, als Nichtigkeiten, als falsch, ungültig und
unwirklich. Kierkegaard zitiert Lukas (14; 26): "Wenn jemand zu mir kommt
und haßt nicht seinen Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern und
dazu sich selbst, der kann nicht mein Jünger sein." Das Evangelium der
Liebe sagt nicht: liebt sie weniger als mich; es sagt: haßt.
Zu behaupten, dass menschliche Existenz nur als eine gleichzeitige
Existenz in der Zeit und in der Ewigkeit möglich sei, heißt, dass sie nur
als eine Existenz möglich ist, die zwischen zwei unvereinbaren ethischen
Absoluta zermalmt wird. Und das bedeutet (wenn es denn mehr bedeutet, als
den Spott grausamer Götter): Die menschliche Existenz ist nur als eine
tragische Existenz möglich. Es ist eine Existenz in Furcht und Zittern; in
Angst und Sorge; und mehr als alles andere - eine Existenz in
Verzweiflung.
DIES scheint eine düstere und
pessimistische Sichtweise der menschlichen Existenz zu sein und kaum wert,
sie einzunehmen. Dem 19. Jahrhundert erschien sie als eine pathologische
Abirrung. Wir wollen aber einmal sehen, wohin der Optimismus des 19.
Jahrhunderts führt. Denn die Analyse dieses Optimismus und die Vorhersage
seines letztlichen Ergebnisses waren es, die Kierkegaards Werk seine
Vision verliehen.
Es war die Essenz all der Glaubensbekenntnisse des 19. Jahrhunderts,
dass die Ewigkeit in der Zeit erreicht werden kann und wird; dass die
Wahrheit in der Gesellschaft und durch Mehrheitsentscheide etabliert
werden kann; dass Dauerhaftigkeit durch Wandel erreicht werden kann. Das
ist ein Glaube an den unaufhaltsamen Fortschritt, der das 19. Jahrhundert
charakterisiert, und dessen ureigensten Beitrag zum menschlichen Denken
darstellt. Man kann das Glaubensbekenntnis des Fortschritts in seiner
naivsten und deshalb gewinnendsten Form nehmen - die Überzeugung, dass der
Mensch automatisch und gerade durch sein Verweilen in der Zeit immer
besser, beinahe perfekt wird, sich mehr und mehr dem Göttlichen annähert.
Man mag das Glaubensbekenntnis in seiner verfeinerten Form nehmen - die
dialektischen Schemata von Hegel und Marx, in denen sich die Wahrheit
selbst in der Synthese von These und Antithese entfaltet, jede Synthese
wiederum zu einer These in einer neuen dialektischen Integration auf
höherem und beinahe perfektem Niveau wird. Ebenso kann man dieses
Glaubensbekenntnis im pseudowissenschaftlichen Gewand der
Evolutionstheorie durch natürliche Auslese verstehen. Jeder dieser Formen
liegt aber die selbe Grundaussage zugrunde: der inbrünstige Glaube daran,
dass die Ansammlung von Zeit uns zur Ewigkeit gelangen ließe; indem wir
Materie aufhäuften, wir zu Geist würden; dass wir durch die Anhäufung von
Veränderungen eine Dauerhaftigkeit erreichten; dass wir durch eine
Massierung von trial-and- error-Vorgängen zur Wahrheit fänden. Für
Kierkegaard bestand das Problem des letzten Wertes aus einem
kompromißlosen Konflikt zwischen kontradiktorischen Qualitäten. Für das
19. Jahrhundert war das Problem nur eines der Quantität.
Als Kierkegaard die menschliche Situation als eine grundsätzlich
tragische verstand, da war das 19. Jahrhundert übervoll des Optimismus.
Seit dem Jahr 1000, als das ganze Europa die zweite Wiederkunft des Herrn
erwartete, gab es eine Generation, die sich selbst so nahe an der
Erfüllung der Zeit sah, als die Menschen des 19. Jahrhunderts. Gewiß gab
es da Unreinheiten in der Fabrikation der Gesellschaft. Der Liberale
glaubte aber, dass sie innerhalb einer Generation, oder zum äußersten noch
innerhalb eines Jahrhunderts, durch das von Tag zu Tag zunehmende Licht
der Vernunft ausgemerzt werden könnten. Der Fortschritt war ein
automatischer. Und obgleich es so schien, als ob von Zeit zu Zeit die
Mächte der Dunkelheit und des Aberglaubens die Oberhand gewinnen, so
stellte dies doch nur eine momentane Täuschung dar. "Kurz vor dem
Sonnenaufgang ist es immer am dunkelsten" ist eine wahrhaft liberale
Maxime (und bezeichnenderweise im wörtlichen Sinn ebenso falsch, wie im
übertragenen). Den Gipfel dieses naiven Optimismus stellte das Buch dar,
das der berühmte deutsche Biologe Ernst Haeckel kurz vor der
Jahrhundertwende verfaßt hatte - das Buch, das vorhersagte, dass alle noch
offenen Fragen abschließend und endgültig innerhalb einer Generation der
Darwinschen Biologie und Newtonschen Physik beantwortet würden. Vielleicht
ist der beste Kommentar zu den Glaubensüberzeugungen des 19. Jahrhunderts
der, dass Haeckels Welträtsel sich gerade dann millionenmal in der
Generation unserer Großväter verkaufte (und sich noch heute in alten
Bücherregalen verbirgt), als das Universum der Darwinschen Biologie und
der Newtonschen Physik komplett in Auflösung begriffen war.
Für alle diejenigen, die der Optimismus des Liberalismus oder des
Darwinismus nicht zufriedenstellte, bot Marx eine schwierigere, aber auch
unendlich profundere Vision eines Milleniums an, das gerade deshalb
hereinbrechen mußte, weil die Welt so korrupt und unvollkommen war.
Seine Vision war eine wahrhaft apokalyptische Botschaft, in der sich das
Unmögliche, die Erreichung einer dauerhaft perfektionierten klassenlosen
Gesellschaft, genau deshalb verspricht, weil sie unmöglich ist. Bei Marx
gibt sich der Optimismus des 19. Jahrhunderts geschlagen - nur um diese
Niederlage als Beweis für einen sicheren Triumph zu benutzen.
Im Bereich dieser Glaubensüberzeugungen einer nahe bevorstehenden
Perfektion, in welchem jeder Fortschritt in der Zeit einen Fortschritt zur
Ewigkeit, zur Dauerhaftigkeit und zur Wahrheit versprach, gab es keinen
Platz für das Tragische (den Konflikt zwischen zwei absoluten Mächten,
zwischen zwei absoluten Gesetzen). Überall in der Tradition des 19.
Jahrhunderts ist das Tragische exorziert, die Katastrophe unterdrückt. Ein
gutes Beispiel für diese Bemühungen - in den letzten Jahren ziemlich
populär - stellt die Erklärung eines so verheerenden Phänomens wie das des
Hitlerismus dar, wenn es mit Begriffen wie "fehlerhafte psychologische
Einstellung" beschrieben wird, also als etwas, das nichts mit dem Geist zu
tun hat, sondern bloß eine Frage der zur Anwendung gebrachten Technik sei.
Oder man vergleiche, in einem ganz anderen Bereich, Shakespeares
Antonius und Cleopatra mit Flauberts Madame Bovary, und man
kann sehen, wie der grundsätzliche tragische "Eros" sich in puren "Sex"
verwandelt hat - Psychologie, Physiologie, selbst Leidenschaft, aber keine
Tragik mehr, das heißt, kein unlösbarer Konflikt mehr. Auch die frühen
Erklärungsversuche der Kommunisten, die den Nazismus bloß als "eine
notwendige Stufe auf dem Weg zum unvermeidbaren Sieg des Proletariats"
verstanden, mag man als einen der Höhepunkte der Bemühung, die Katastrophe
zu unterdrücken, heranziehen. Hier läßt sich eine offizielle
Glaubensgewißheit in Reinform ausmachen, die davon ausgeht, dass was immer
in der Zeit geschieht, gut sein müsse, wie böse es auch immer sein mag.
Weder darf es Katastrophe noch Tragödie geben.
Niemals in der westlichen Geschichte gab es ein Jahrhundert, das soweit
vom Bewußtsein des Tragischen entfernt war, als dasjenige, das uns zwei
Weltkriege beschert hat. Nicht einmal 200 Jahre früher - um genau zu sein
im Jahre 1755 - reichte der Tod von 15 000 Menschen beim Erdbeben von
Lissabon aus, um die schon schwankenden Strukturen des traditionellen
christlichen Glaubens in Europa zum Einsturz zu bringen. Die Zeitgenossen
von damals konnten darin keinen Sinn erkennen, sie konnten das Entsetzen
nicht mit dem Konzept eines allgnädigen Gottes in Zusammenhang bringen,
sie konnten keine Antwort auf das Paradoxon einer Katastrophe in solchem
Ausmaß finden. Seit Jahren erfahren wir nun täglich von viel größerer
Zerstörung, von ganzen Völker, die verhungern oder ausgerottet werden. Für
uns ist es nun weitaus schwieriger, diese menschengemachten Katastrophen
in den Begriffen unserer modernen Vernunft zu fassen, gleichwohl es schon
für das 18. Jahrhundert ein beinahe unlösbares Problem darstellte, das
Erdbeben von Lissabon in den Begriffen herkömmlicher Christlichkeit zu
begreifen. Trotzdem machen unsere eigenen Katastrophen keinen Eindruck auf
den Optimismus abertausender Komitees, die davon überzeugt sind, dass mit
"Notwendigkeit" aus all dem momentanen Schrecken nur Frieden und Wohlstand
entspringen kann. Um sicher zu gehen, informieren sie sich über die Fakten
und empören sich über diese pflichtgemäß. Sie weigern sich aber, sie als
Katastrophen zu verstehen. Sie sind dafür ausgebildet, die Tatsache von
Katastrophen zu verleugnen.
WIE AUCH immer erfolgreich aber das
19. Jahrhundert gewesen sein mag, das Tragische zu unterdrücken: es gibt
eine Tatsache, die nicht unterdrückt werden konnte, eine Tatsache, die
außerhalb der Zeit verblieb - den Tod. Er ist diese eine Tatsache, die
nicht verallgemeinerbar ist, sondern etwas Einzigartiges bleibt; diese
eine Tatsache, die nicht vergesellschaftet werden kann, sondern personal
bleibt. Das 19. Jahrhundert hat jede Anstrengung dazu unternommen, den Tod
von seinem individuellen, einzigartigen und qualitativen Aspekt zu
reinigen. Es machte aus dem Tod einen Unfall im Rahmen der
Lebenserwartungsstatistiken, zu einem quantitativ meßbaren und
voraussagbaren Ereignis nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit. Es
versuchte um den Tod herumzukommen, indem es seine Konsequenzen
wegorganisierte. Die Lebensversicherung ist möglicherweise die
bezeichnendste Einrichtung der Metaphysik des 19. Jahrhunderts; ihre
Voraussetzung "die Risiken zu verteilen" zeigt glasklar die Bemühung, den
Tod nur als einen Zwischenfall im menschlichen Leben zu begreifen, anstatt
als dessen endgültige Beendigung. Und das 19. Jahrhundert erfand den
Spiritismus - ein Versuch, das Leben nach dem Tod mit Hilfe
mechanistischer Mittel unter Kontrolle zu bringen. Der Tod aber ist
hartnäckig. Die Gesellschaft mag den Tod Tabu erklären, mag die Sitte
einführen, daß es sich nicht gehört, vom Tod zu sprechen, mag die
schrecklichen öffentlichen Begräbnisse durch "hygienische" Einäscherungen
ersetzen und die Totengräber Beerdigungsunternehmer nennen. Der gelehrte
Professor Haeckel mag andeuten, daß die Darwinistische Biologie gerade im
Begriff ist uns ein ewiges Leben zu bescheren; aber er kann dieses
Versprechen nicht einlösen. Und so lange der Tod fortbesteht, bleibt das
Individuum mit einem Pol seiner Existenz außerhalb der Gesellschaft und
außerhalb der Zeit.
So lange sich der Tod beharrlich zeigt, kann das optimistische
Lebenskonzept, der Glaube, daß die Ewigkeit durch die Zeit hindurch
erreicht werden, und daß das Individuum im Gesellschaftlichen Erfüllung
finden kann, nur ein Ergebnis haben - Verzweiflung. Ganz plötzlich sieht
sich jeder Mensch seinem Tod gegenüber; und an diesem Punkt ist er allein,
ganz Einzelner. Wenn seine Existenz nur eine im Gesellschaftlichen ist,
dann ist er verloren - weil nun seine Existenz bedeutungslos ist.
Kierkegaard diagnostizierte das Phänomen und nannte es "die Verzweiflung,
kein Individuum sein zu wollen". Oberflächlich kann sich das Individuum
von diesem Zusammenstoß mit dem Problem der Existenz in der Ewigkeit
erholen; für einen Augenblick kann es das sogar vergessen. Es kann aber
niemals mehr sein Vertrauen in die Gesellschaft wiedererlangen. Es bleibt
im tiefsten Grunde verzweifelt.
Die Gesellschaft muß in der Lage sein, es dem Menschen zu ermöglichen,
ohne Verzweiflung zu sterben, wenn sie will, daß er ausschließlich in der
Gesellschaft lebt. Und dazu kann sie nur auf eine Weise verfahren, nämlich
so, daß sie das individuelle Leben zu einem bedeutungslosen macht. Wenn
man nichts weiter ist, als ein Blatt auf dem Baum der Rasse, eine Zelle im
Körper einer Gesellschaft, dann ist der eigene Tod nicht wirklich ein Tod;
man kann das dann besser einen Prozeß kollektiver Regeneration nennen.
Freilich ist dann aber auch das Leben des Einzelnen kein wirkliches Leben;
es ist nur funktionaler Prozeß innerhalb des Lebens des Ganzen, aller
Bedeutung entleert, ausgenommen der Bedeutung eben dieses Ganzen. Folglich
sah Kierkegaard vor 100 Jahren voraus, daß ein Optimismus, der die
menschliche Existenz als eine Existenz in der Gesellschaft proklamiert,
geradewegs in die Verzweiflung führt. Und diese Verzweiflung kann wiederum
nur in den Totalitarismus führen. Weil der Totalitarismus - und dieser Zug
unterscheidet ihn von allen Tyranneien der Vergangenheit - auf der
Bedeutungslosigkeit des Lebens basiert und auf der Nichtexistenz der
Person. Daher liegt die Betonung der totalitären Glaubensauffassung nicht
darin, wie man zu leben vermag, sondern, wie zu sterben; um den Tod
erträglich zu machen, muß das individuelle Leben entwertet und
bedeutungslos gemacht werden. Die optimistische Glaubensüberzeugung, die
damit anhob, daß sie einzig das Leben in dieser Welt gelten ließ, führte
direkt in die Glorifizierung der Selbstopferung - als der einzigen Tat,
durch die der Mensch bedeutungsvoll existieren kann - durch die Nazis. Die
Verzweiflung selbst wird zur Essenz des Lebens.
DAS 19. JAHRHUNDERT gelangte an genau
den gleichen Punkt, an den die heidnische Welt im römischen Spätreich
angekommen war. Und wie die Antike versuchte es in das rein Ethische zu
entkommen - indem es die Tugenden in der menschlichen Vernunft grundlegte.
Die großen philosophischen Systeme des deutschen Idealismus - vor allem
Kant, aber auch Hegel - beherrschten das Zeitalter, weil sie die Vernunft
mit der Tugend und dem guten Leben identifizierten. Eine moralische Kultur
und eine Sorte liberaler Protestantismus, der Jesus als "den gütigsten
Menschen, der jemals gelebt hat" verstand, mit ihren Slogans der "goldenen
Regel", des "kategorischen Imperativs" und der Zufriedenheit durch den
Dienst am anderen - diese und ähnliche moralische Formeln wurden im 19.
Jahrhundert ebenso zum Gemeingut, wie sie es in der Antike waren. Und sie
scheiterten ebenso, eine Grundlage für die menschliche Existenz in der
Moderne zu liefern, wie sie 2000 Jahre zuvor gescheitert waren.
In seinen herausragendsten Vertreter vermag das ethische Konzept in der
Tat zu moralischer Integrität und Größe zu führen. Der Humanismus des 19.
Jahrhunderts - der zur Hälfte auf Plutarch und zur Hälfte auf Newton
basiert - kann ein vornehmes Unterfangen sein. (Wir brauchen uns nur an
die großen Männer der Generation des ausgehenden 19. Jahrhunderts
erinnern, etwa an Woodrow Wilson, an Masaryk, Jaures oder Mommsen.) Auch
Kierkegaard war davon in höherem Ausmaß beeinflußt, als er selbst es
einsehen konnte. Obwohl er sich Zentimeter für Zentimeter den Weg
freikämpfte, konnte er sich niemals vollständig vom Einfluß Hegels
befreien; und Sokrates, das Symbol des moralischen Lebens, blieb für ihn
ein Höhepunkt der Geschichte der menschlichen Natur.
Kierkegaard erkannte aber auch, dass das moralische Konzept zwar
Integrität, Courage und Standhaftigkeit erzeugen konnte, aber keine
Bedeutung - weder für das Leben, noch für den Tod. Alles, was es zu
erreichen vermag, ist stoische Resignation. Kierkegaard faßte eine solche
Einstellung als eine noch verzweifeltere auf, als die optimistische; er
nannte sie "die Verzweiflung, ein Individuum sein zu wollen". Und nur zu
oft führt die moralische Einstellung zu nichts so Noblen und Konsistentem
wie es die stoische Philosophie ist, sondern wird zum zuckrigen Guß über
der bitteren Pille des Totalitarismus. Ich denke, das ist die Einstellung
vieler Verteidiger Sowjetrußlands; man hofft, dass der Mensch in der
moralischen Bemühung seinen Nächsten glücklich zu machen seine
individuelle Erfüllung findet; und dass dieser Wille in der Lage sei, die
Realität des Totalitarismus aufzuwiegen. Oder die moralische Position
verwandelt sich in bloße Sentimentalität - die Einstellung derjenigen, die
meinen, dass das Böse abgeschafft und durch gute Absichten eine Harmonie
etabliert werden kann.
Auf alle Fälle ist die moralische Position immer in Gefahr, zu einem
Relativismus zu degenerieren. Wenn die Tugendhaftigkeit etwas ist, das
sich im Menschen finden läßt, so muß auch alles, was Menschen akzeptieren,
tugendhaft sein. Daher muß eine Position, die damit beginnt - wie dies bei
Rousseau und Kant vor 175 Jahren der Fall war - vom Menschen geschaffene
ethische Absoluta aufzustellen, mit der völligen Verleugnung von Absoluta
endigen und folglich auch mit der vollständigen Verneinung der Möglichkeit
einer wahrhaft ethischen Position. Auf diese Art und Weise ergibt sich
kein Ausweg aus der Verzweiflung.
Folgt daraus nun, dass die menschliche Existenz nur eine tragische und
verzweifelte sein kann? Behalten die Weisen aus dem Osten recht, die als
einzige Antwort die Zerstörung des Selbst, das Eintauchen des Menschen ins
Nirwana, ins Nichts, sehen?
Kierkegaard hat eine andere Antwort: Die menschliche Existenz ist als
eine Existenz ohne Verzweiflung möglich, als eine Existenz ohne Tragödie -
sie ist möglich als eine Existenz im Glauben. Das Gegenteil der Sünde (um
das Wort zu benutzen, das traditionell die bloße Existenz in der
Gesellschaft bezeichnet) ist nicht Tugendhaftigkeit; es ist der
Glaube.
Glaube ist die Überzeugung, dass in Gott das Unmögliche möglich sei,
dass durch Ihn Zeit und Ewigkeit Eins sind, dass sowohl das Leben wie auch
der Tod eine Bedeutung hat. Glauben ist das Wissen, dass der Mensch
Kreatur ist - nicht autonom, nicht Herr, nicht Schlußpunkt, nicht das
Zentrum - und doch verantwortlich und frei. Die Akzeptanz der
grundsätzlichen Einsamkeit des Menschen wird durch die Gewißheit
überwunden, dass Gott immer mit ihm ist, selbst "in der Stunde seines
Absterbens".
In meinem Lieblingsbuch von Kierkegaard, einem kleinen Band, der den
Titel Furcht und Zittern trägt, stellt er die Frage: Was
unterscheidet Abrahams Bereitschaft seinen Sohn Isaak zu opfern, von einem
gewöhnlichen Mord? Hätte Abraham niemals wirklich vorgehabt, das Opfer
durchzuführen, hätte er nur seinen Gehorsam gegenüber Gott zur Schau
stellen wollen, dann wäre er tatsächlich etwas anderes als ein Mörder,
etwas noch verabscheuungswürdigeres: ein Betrüger und Schwindler. Hätte er
Isaak nicht geliebt und hätte sich indifferent verhalten, dann wäre er
bereit gewesen ein Mörder zu sein. Abraham war aber ein Heiliger; Gottes
Befehl war für ihn ein absoluter Befehl, der ohne Hintergedanken
ausgeführt werden mußte; und man sagt uns, dass er Isaak mehr als sich
selbst geliebt habe. Die Antwort auf die Frage lautet, dass Abraham
Glauben hatte. Abraham vertraute darauf, dass in Gott das Unmögliche
möglich werden kann - dass er Gottes Befehl Folge leisten konnte und
trotzdem Isaak erretten.
Abraham war ein Symbol für Kierkegaard selbst, und das Opfer Isaaks war
ein Symbol für sein eigenes, innerstes Geheimnis, seine große und
tragische Liebe - eine Liebe, die er gemordet hatte, weil er sie mehr
liebte als sich selbst. Der autobiographische Bezug ist jedoch nur von
nebensächlicher Bedeutung. Die Geschichte von Abraham stellt ein
universales Symbol für die menschliche Existenz dar, die nur im Glauben
möglich ist. Im Glauben wird das Individuelle das Universale, hört auf
isoliert zu sein, wird bedeutungstragend und absolut; folglich gibt es nur
im Glauben eine wahre Ethik. Und im Glauben wird auch die Existenz in der
Gesellschaft bedeutsam, als eine Existenz wahrhaftiger Barmherzigkeit.
Der Glaube ist nichts, was man heute gerne und leichthin als "mystische
Erfahrung" bezeichnet - etwas, das scheinbar durch richtige Atemtechniken
oder längeres Hören der Musik Bachs herbeigeführt werden kann. Er kann nur
durch Verzweiflung, durch Leiden, durch schmerzhaften und unablässigen
Kampf erreicht werden. Er ist nicht irrational, sentimental, emotional
oder spontan. Er ist das Ergebnis eines ernsthaften Denkens und Lernens,
durchgängiger Disziplin, vollständiger Nüchternheit, von Bescheidenheit
und der Unterwerfung des Selbst unter einen höheren, absoluten Willen. Das
innere Wissen um die eigene Vereinigung in Gott - was Paulus Hoffnung
nannte und wir Heiligkeit - können nur einige wenige erreichen. Jeder
Mensch kann aber glauben. Da jeder Mensch weiß, was Verzweiflung ist.
Kierkegaard steht unmittelbar in der großen westlichen Tradition der
religiösen Erfahrung, in der Tradition von Augustinus und Bonaventura, von
Luther, Johannes vom Kreuz und Pascals. Was ihn heraushebt und ihm für die
heutige Zeit eine spezielle Wichtigkeit verleiht, ist seine Betonung eines
Lebens in der Zeit und in der Gesellschaft für den Gläubigen, den
Christen. Kierkegaard ist nicht deshalb "modern", weil er über das
Vokabular der Psychologie, Ästhetik und Dialektik verfügt - die flüchtigen
Bezüge, die der Kierkegaardboom marktschreierisch anbietet -, sondern weil
er sich mit der speziellen Krankheit der modernen westlichen Welt befaßt:
mit dem Zerfall der menschlichen Existenz, der Verleugnung der
Gleichzeitigkeit des Lebens im Geiste und des Lebens im Fleisch, der
Verleugnung der Bedeutsamkeit eines jeden Einzelnen für den anderen.
Dagegen sind wir heute mit einer kompletten Trennung konfrontiert, der
Nebeneinanderstellung von "Yogi" und "Kommissar" - die Begriffe stammen
selbstverständlich von Arthur Koestler* - als sich wechselseitig
ausschließende Möglichkeiten: ein Entweder-Oder zwischen Zeit und
Ewigkeit, Barmherzigkeit und Glaube, in dem jeweils der eine der beiden
Pole der Doppelseitigkeit der menschlichen Existenz zum absoluten gemacht
wird. Dies führt zum vollständigen Glaubensverzicht: der "Kommissar" gibt
den ganzen Raum des Geistes für Macht und Effektivität preis; der "Yogi"
überantwortet die menschliche Existenz in der Zeit, das heißt das
gesellschaftliche Leben, zur Gänze dem Teufel und ist bereit zuzusehen,
wie Millionen ihre Leben und ihre Seelen lassen, wenn nur sein eigenes
"Ich" gerettet wird. Beide Positionen sind für jeden religiösen Menschen
unannehmbar, vor allem aber für einen Christen, der im Geist zu leben hat
und folglich eingestehen muß, dass wahrer Glaube nur in und durch
Barmherzigkeit (das heißt in und durch gesellschaftliche
Verantwortlichkeit) möglich ist.
Zumindest aber sind diese beiden Positionen ehrliche, ehrlich, indem
sie ihren Bankerott eingestehen - im Gegensatz zu denjenigen, die
versuchen dem Problem auszuweichen, wie etwa die zahlreichen
"christlichen", protestantischen oder katholischen, politischen Parteien
in Europa oder der Bewegung für "Social Christianity", die immer noch über
einen großen Einfluß in diesem Land verfügt. Denn diese Bemühungen setzen
Moralität und gute Absichten an die Stelle von Glauben und religiöse
Erfahrung als Triebfedern der Handlungen. Obwohl sie ehrlich und
aufrichtig sind, und obwohl sie von guten, sogar von heiligen, Menschen
unterstützt und zuweilen auch geführt werden, so müssen sie sich dennoch
nicht nur als politisch ineffizient herausstellen, wie die "Yogis",
sondern sie scheitern, wie die "Kommissare", daran, ein spirituelles Leben
zu vermitteln; und zwar deshalb, weil sie beides, das Leben in der Zeit
und das Leben in der Ewigkeit kompromittieren. Derjenige österreichische
Kleriker und katholische Parteiführer, der sich in den 30er Jahren für
Hitler aussprach, weil dieser "zumindest auch gegen den gemischten Besuch
von Schwimmbädern ist", war eine abstoßende Karikatur christlicher
Moralisten in der Politik; er gab aber eine Karikatur von etwas ab, das
sich immer finden läßt, wenn Moralität mit Glauben verwechselt wird.
Kierkegaard bietet keinen leichten Ausweg an. Man kann von ihm sagen -
wie auch von allen anderen religiösen Denkern, die sich mehr auf die
Erfahrung berufen, denn auf Vernunft und Dogma -, dass er weitgehend das
Leben im Geist überbetonte, und damit daran scheiterte, die beiden Pole
menschlicher Existenz zu einem Ganzen zu integrieren. Er sah aber nicht
allein die Aufgabe, er zeigte auch in seinem eigenen Leben und in seinen
Werken, dass es keine Flucht aus der menschlichen Existenz gibt, die eine
der Spannung ist. Es ist kein Zufall, dass nur ein Teil von Kierkegaards
enormen literarischem Schaffen im Original nicht unter einem Pseudonym,
sondern unter seinem eigenen Namen mit dem Titel Erbauliche Reden**
erschien. Nicht, dass er die Autorschaft der anderen Arbeiten
verheimlichen wollte - das Pseudonym hätte niemanden täuschen können; aber
allein die "erbaulichen" Schriften übertrugen den Glauben in eine
gesellschaftliche Wirksamkeit und sind folglich wahrhaft religiös und
nicht allein "Yogi". Es ist daher auch kein Zufall, dass Kierkegaards
ganzes Werk, seine 20 Jahre in der Abgeschiedenheit des Schreibens,
Denkens, Betens und Leidens nur die Vorbereitung für die gewaltsame
politische Aktion darstellten, der er die letzten Monate seines Lebens
widmete - ein wütender Ein-Mann-Krieg gegen die offizielle Kirche
Dänemarks und ihren Klerus und gegen deren Verwirrung von Moralität und
Tradition mit Barmherzigkeit und Glauben.
Obwohl Kierkegaards Glauben nicht die schreckliche Einsamkeit
überwinden kann, die Isolation und Dissonanz der menschlichen Existenz, so
kann er sie doch ertragbar machen, in dem er ihr eine Bedeutung verleiht.
Die Philosophie totalitärer Glaubensüberzeugungen gestattet es dem
Menschen zu sterben. Es ist sehr gefährlich, die Überzeugungskraft einer
solchen Philosophie zu unterschätzen; denn in einer Zeit des Leidens, der
Katastrophe und des Entsetzens (das heißt in unserer Zeit) ist es eine
bedeutende Aufgabe, das Sterben zu vermögen. Dennoch genügt das nicht.
Auch der Glaube Kierkegaards erlaubt es den Menschen, das Sterben zu
vermögen; er erlaubt ihm aber auch zu leben.
Peter Drucker
>> Download "Der unmodische Kierkegaard" (p_drucker_kierkeg.pdf)
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