Texte
"Propheten für unsere Zeit: Schumpeter und Keynes?"
Peter Drucker, 1983

 
 

DIE BEIDEN größten Volkswirtschaftler unseres Jahrhunderts, Joseph A. Schumpeter und John Maynard Keynes, wurden beide vor rund 100 Jahren geboren: Schumpeter am 8. Februar 1883 in einer österreichischen Provinzstadt und Keynes am 5. Juni 1883 in Cambridge. (Sie starben im Abstand von nur 4 Jahren - Schumpeter am 8. Januar 1950 in Connecticut und Keynes am 21. April 1946 in Südengland.) Die hundertste Wiederkehr des Geburtstages von John Maynard Keynes wird mit einer Flut von Büchern, Artikeln, Konferenzen und Reden gefeiert. Der Geburt Schumpeters wird jedoch, wenn überhaupt davon Notiz genommen wird, höchstens in einem kleinen Universitätskolloquium gedacht. Dennoch tritt immer deutlicher zutage, dass es Schumpeter ist, der unser Denken und unsere Fragen zur Wirtschaftsheorie und zur Wirtschaftspolitik über die nächsten Jahre bis zum Ende dieses Jahrhunderts, wenn nicht gar über die nächsten 30 bis 50 Jahre hinweg, bestimmen wird.

Schumpeter und Keynes waren keine Widersacher. Sie haben beide seit langem geltende Annahmen in Frage gestellt. Die Gegner Keynes fanden sich gerade unter den "Österreichern", den Vertretern der Neoklassik der Österreichschule, von denen sich Schumpeter schon als Student abgewandt hatte. Schumpeter hielt zwar die von Keynes gegebenen Antworten für falsch oder zumindest irreführend, aber er war ein einfühlender Kritiker. Schumpeter war es, der Keynes in Amerika den Weg geebnet hat. Als Keynes sein Buch General Theory veröffentlichte, das in deutscher Sprache unter dem Titel Die allgemeine Theorie der Beschäftigung,des Zinses und des Geldes 1936 erschien, hat Schumpeter seine Studenten dazu aufgefordert, dieses Buch zu lesen, und ihnen mitgeteilt, dass Keynes' Arbeit an die Stelle seiner eigenen früheren Abhandlungen zum Gelde getreten sei.

Keynes wiederum hielt Schumpeter für einen der wenigen zeitgenössischen Volkswirtschaftler, der seines Respektes würdig war. In seinen Vorlesungen hat er sich immer wieder auf die Werke bezogen, die Schumpeter während des Ersten Weltkrieges veröffentlicht hatte. Besonders hat er dabei auf Schumpeters Aufsatz zu den Rechenpfennigen hingewiesen, der ihn dazu veranlaßt hatte, seine eigenen Gedanken zum Geld zu entwickeln. Keynes' erfolgreichste politische Initiative, der Vorschlag, Großbritannien und die USA sollten den Zweiten Weltkrieg nicht über Kreditaufnahmen, sondern über Steuern finanzieren, war direkter Anlaß der von Schumpeter 1918 ausgesprochenen Warnung zu den katastrophalen Folgen des mit Kriegsanleihen finanzierten Ersten Weltkriegs.

Schumpeter und Keynes werden häufig als politische Gegensätze dargestellt. Schumpeter gilt als "Konservativer", Keynes als "Radikaler". Das Gegenteil ist jedoch eher der Fall. Politisch hat Keynes ziemlich ähnliche Ansichten gehabt wie die heute sogenannten "Neokonservativen". Die Ursprünge seiner Theorie sind in seiner leidenschaftlichen Verfechtung der freien Marktwirtschaft und in seinem Wunsch zu sehen, sie vor dem Eingriff von Politikern und Regierungen zu bewahren. Schumpeter hat im Gegensatz dazu die freie Marktwirtschaft sehr angezweifelt. Er glaubte, ein "intelligentes Monopol" - beispielsweise das amerikanische Fernmeldeunternehmen Bell Telephone System - habe doch sehr vieles für sich. Es könne es sich leisten, langfristig zu denken, und brauche sich nicht aufgrund jeweils kurzfristig gegebener Rentabilität von Transaktion zu Transaktion zwingen zu lassen. Zu seinen engsten Freunden zählte viele Jahre lang der radikalste und doktrinärste Politiker unter den europäischen Sozialisten des linken Flügels. Es war der Österreicher Otto Bauer, der zwar ein ausgesprochener Antikommunist, aber ein noch viel vehementerer Antikapitalist war. Schumpeter selbst ist nie zu den Sozialisten zu zählen gewesen. Dennoch hat er 1919 der zwischen den beiden Weltkriegen einzigen sozialistischen österreichischen Regierung als Finanzminister gedient. Schumpeter hat immer die Meinung vertreten, dass Marx in all seinen Antworten absolut unrecht hatte. Dennoch hat er sich als Sohn des Karl Marx betrachtet und ihn sehr viel mehr geschätzt als alle anderen Volkswirtschaftler. Marx habe zumindest, so sagt er, die richtigen Fragen gestellt - und für Schumpeter waren Fragen immer wichtiger als Antworten. Die Unterschiede zwischen Schumpeter und Keynes gehen tiefer, als Wirtschaftstheorien oder politische Antworten vermuten lassen. Beide nahmen verschiedene Wirtschaftsrealitäten wahr. Es ging ihnen um verschiedene Probleme. Beide haben "Volkswirtschaft" anders definiert. Die Unterschiede sind außerordentlich wichtig, wenn man die Wirtschaftswelt von heute begreifen will.

Keynes hat zwar mit der klassischen Nationalökonomie gebrochen, sich aber trotzdem in allem an ihren Rahmen gehalten.Er war kein "Heide", sondern ein "Ketzer". Die Nationalökonomie war für Keynes die Gleichgewichtstheorie, die Ricardo 1810 entwickelt hatte und die das gesamte 19. Jahrhundert dominert hatte. Danach ist die Wirtschaft ein geschlossenes und statisches theoretisches System. Keynes stellte dieselbe Schlüsselfrage wie die Nationalökonomen des 19. Jahrhunderts: "Wie läßt sich erreichen, dass ein Wirtschaftssystem im Gleichgewicht und statisch bleibt?"

Für Keynes liegen die größten Probleme der nationalen Ökonomie in der Beziehung zwischen der "Realwirtschaft" von Gütern und Diensten und der "Symbolwirtschaft" von Geld und Kredit. Ihm geht es um die Beziehung von Individuen und Wirtschaftsunternehmen zur "Makroökonomie" des Nationalstaates und schließlich auch darum, ob die Produktion (d. h. das Angebot) oder der Verbrauch (d. h. die Nachfrage) die treibende Kraft in der Wirtschaft darstellt. In diesem Sinne hat Keynes die Theorien von Ricardo, John Stuart Mill, den Vertretern der "Österreichschule" und Alfred Marshall in direkter Linie fortgesetzt. Die Nationalökonomen des 19. Jahrhunderts sind zwar in vielen Dingen verschiedener Meinung gewesen, auf diese Frage aber haben sie alle, auch Marx, dieselbe Antwort gegeben: Die "Realwirtschaft" habe das Steuer in der Hand und das Geld sei nur der "Deckmantel", bestimmend sei die Mikroökonomie der Individuen und der einzelnen Wirtschaftsunternehmen. Der Staat könne bestenfalls kleinere Diskrepanzen korrigieren und schlimmstenfalls Störungen erzeugen. Die treibende Kraft sei das Angebot, wobei die Nachfrage eine Funktion des Angebots ist.

Keynes hat dieselben Fragen gestellt wie Ricardo, Mill, Marx, die Vertreter der "Österreichschule" und auch Marshall. Er hat jedoch mit einer Kühnheit ohnegleichen jede einzelne Antwort auf den Kopf gestellt. Im keynesianischen System sind Geld und Kredit "real", und Güter und Dienste sind abhängig von der "Symbolwirtschaft", der Makroökonomie. Die Wirtschaft des Nationalstaates ist alles. Der einzelne und die Unternehmen haben weder die Macht, die Wirtschaft zu beeinflussen, geschweige denn zu lenken, noch die Fähigkeit, effektive Entscheidungen gegen die Kräfte der "Makroökonomie" zu treffen. Ökonomische Phänomene, Kapitalbildung, Produktivität und Beschäftigung, sind Funktionen der Nachfrage. Inzwischen wissen wir, so wie Schumpeter es schon vor 50 Jahren wußte, dass Keynes falsche Antworten gegeben hat. Seine Antworten sind höchstens für relativ begrenzte Spezialfälle gültig. Nehmen wir beispielsweise Keynes' Schlüsseltheorie, dass monetäre Ergebnisse - Staatsdefizite, Zinssätze, Kreditvolumen und Geldumlaufmengen - die Nachfrage und damit auch die Wirtschaftsbedingungen bestimmen sollen. Hier wird angenommen - wie Keynes selbst betont hat -, dass die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes konstant ist und kurzfristig von den einzelnen oder Firmen nicht geändert werden kann. Schumpeter hat schon vor 50 Jahren darauf hingewiesen, dass sämtliche Anhaltspunkte auf das genaue Gegenteil dieser Annahme verweisen. Die keynesianische Wirtschaftspolitik ist jedenfalls, ob in der ursprünglichen keynesianischen oder in der modifizierten Friedman-Version, jedesmal, wenn sie auf die Probe gestellt wurde, durch die "Mikroökonomie" in der Wirtschaft und bei den einzelnen Wirtschaftssubjekten besiegt worden. Dies geschah jeweils ohne Vorankündigung und Vorwarnung, es war nicht vorauszusehen, die Umschlaggeschwindigkeit des Geldes hat sich fast über Nacht verändert.

Zum erstenmal wurden die keynesianischen Rezepte in den Anfangstagen des New Deal ausprobiert. Zu Anfang schienen sie durchaus zu funktionieren. Dann aber, etwa im Jahre 1936, haben Verbraucher und Wirtschaftsunternehmen die Geldumlaufgeschwindigkeit innerhalb einiger weniger kurzer Monate drastisch reduziert. Die Erholung der Wirtschaft auf der Grundlage eines staatlichen deficit spending (Defizit-Finanzierung) trat nicht ein, sondern führte vielmehr zu einem zweiten Zusammenbruch des Aktienmarktes im Jahre 1937. Als bestes Beispiel sind jedoch die Geschehnisse im Jahre 1981/82 in den USA anzuführen. Der entschlossene Versuch des Federal Research System, die Wirtschaftsentwicklung durch eine Kontrolle des Geldumlaufs zu steuern, ist von den Verbrauchern und den Wirtschaftsunternehmen dadurch zunichte gemacht worden, dass sie plötzlich und beinahe heftig ihre Geldeinlagen von den Sparkonten abzogen und in Geldmarktfonds investierten und langfristige Anlagen in liquide, flüssige Mittel umschichteten - statt einer niedrigen Geldumlaufgeschwindigkeit war plötzlich eine hohe Geldumlaufgeschwindigkeit vorhanden. Der Wandel war so umfassend, dass niemand mehr sagen konnte, was "Geldmenge" ist oder was dieser Begriff bedeutet.

Einzelmenschen und Firmen, die versuchen, ihr Selbstinteresse zu wahren und zu optimieren, und sich von ihrer Wahrnehmung der Wirtschaftswirklichkeit leiten zu lassen, werden immer eine Möglichkeit finden, dem System ein Schnippchen zu schlagen - ob dies, wie im Sowjetblock, dadurch geschieht, dass man das gesamte Wirtschaftssystem in einen gigantischen Schwarzmarkt verwandelt, oder ob es in der Form abläuft, wie es in den USA in den Jahren 1981/82 geschehen ist, als sich das Geldsystem über Nacht allen Gesetzen, staatlichen Vorschriften oder Wirtschaftswissenschaftlern zum Trotz völlig veränderte. Dies bedeutet nicht, dass die Volkswirtschaft wieder zur neoklassischen Theorie der Zeiten vor Keynes zurückkehren wird. Die Kritik Keynes' an den neoklassischen Antworten ist genauso definitiv wie Schumpeters Kritik an Keynes. Da wir aber wissen, dass der einzelne das System schlagen kann und auch schlagen wird, haben wir die Sicherheit verloren, die Keynes dem Wirtschaftssystem unterstellt hat und die das keynesianische System 50 Jahre lang zum Leitstern der Wirtschaftstheorie und der Wirtschaftspolitik gemacht hat. Friedmans Geldtheorie ist ebenso wie seine Angebotstheorie als verzweifelter Versuch zu werten, das keynesianische System der Gleichgewichtswirtschaft zu flicken. Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass sich mit Hilfe seiner Theorien dieses in sich geschlossene, auf sich selbst vertrauende gleichgewichtige Wirtschaftssystem wiederherstellen läßt. Es gibt keine Wirtschaftstheorie oder Wirtschaftspolitik, in der ein Faktor, ob es sich dabei um Staatsausgaben, Zinssätze, Geldmengen oder Steuersenkungen handelt, die Wirtschaft kalkulierbar und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit steuerbar machen könnte.

Für Schumpeter stand von Anfang an fest, dass sich die von Keynes gefundenen Antworten als genausowenig haltbar erweisen würden wie die Antworten, die die Wirtschaftswissenschaftler vor ihm gefunden hatten und die Keynes mit seinen Antworten hatte ablösen wollen. Für ihn waren diese Antworten jedoch sehr viel weniger wichtig als die Fragen, die Keynes und seine Vorgänger gestellt hatten. Nach Meinung Schumpeters aber waren diese Fragen nicht die eigentlich wichtigen Fragen. Der grundlegende Trugschluß lag seiner Meinung nach in der Annahme, dass die gesunde, die "normale" Wirtschaft eine Wirtschaft im statischen Gleichgewicht sei. Schumpeter ging seit seinen Studententagen davon aus, dass sich eine moderne Wirtschaft immer in einem dynamischen Ungleichgewicht befindet. Schumpeters Wirtschaftstheorie ist kein geschlossenes System wie Newtons Weltall oder Keynes' "Makroökonomie". Es ist vielmehr ein System, das ständig wächst und sich ständig verändert und seiner Natur nach eher biologisch als mechanisch ist. Wenn Keynes ein "Ketzer" war, war Schumpeter ein "Heide". Schumpeter ist selbst bei den Haupttheoretikern des Neo-Klassizismus in die Schule gegangen, und zwar zu der Zeit, in der Wien die Welthauptstadt der Wirtschaftstheorie war. Seinen Lehrern war er zeitlebens herzlich zugetan. aber schon seine Dissertationsarbeit - sein erstes wichtiges Buch, Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung, das Schumpeter im Jahre 1911, er war damals erst 28 Jahre alt, veröffentlichte -, beginnt mit der Behauptung, dass das zentrale Problem der Volkswirtschaft nicht das Gleichgewicht, sondern der strukturelle Wandel sei. Dies führte dann zu Schumpeters berühmten Theorien, wonach der Innovator der eigentliche Träger der Volkswirtschaft sei.

In der klassischen Nationalökonomie galt Innovation als außerhalb des Systems liegend. So hat auch Keynes gedacht. Die Innovation gehörte in die Kategorie der "Naturkatastrophen" wie Erdbeben, Klimaveränderungen oder Krieg, äußere Veränderungen, von denen jeder weiß, dass sie einen außerordentlichen Einfluß auf die Wirtschaft haben, aber nicht Teil der Wirtschaft sind. Schumpeter bestand jedoch im Gegensatz dazu daruf, dass die Innovation - d.h. unternehmerisches Denken und Handeln, das Ressourcen aus alten und veralteten Verwendungen abzieht und für neue und produktivere Verwendungen einsetzt - das Wesentliche, den Kern der Wirtschaft und ganz besonders einer modernen Wirtschaft, ausmache.

Diese Vorstellungen hat er, wie er selbst als erster zugab, von Marx abgeleitet. Er hat sie jedoch dazu benutzt, um Marx zu widerlegen. Schumpeter hat mit seiner Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung etwas erreicht, zu dem weder die klassischen Volkswirtschaftler noch Marx oder Keynes in der Lage waren: Er bewies, dass der Gewinn eine wirtschaftliche Funktion erfüllt. In einer Wirtschaft, die von Wandel und von der Innovation bestimmt wird, ist der Gewinn im Gegensatz zur Marxschen Theorie kein Mehrwert, der den Arbeitern gestohlen wird. Er ist vielmehr die einzige Quelle, aus der zukünftige Arbeitsplätze entstehen und aus der zukünftige Arbeitskräfte ihr Einkommen erzielen können. Die Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung zeigt, dass niemand mit Ausnahme des Innovators einen echten "Gewinn" erzielt. Und selbst der Gewinn des Innovators ist immer ziemlich kurzlebig. die Innovation ist aber auch, um mit Schumpeter zu sprechen, eine "kreative Zerstörung". Sie macht die gestrigen Anlagen und Investitionen obsolet. Je mehr sich eine Wirtschaft entwickelt, desto mehr Kapitalbildung wird sie brauchen. Was also die klassischen Nationalökonomen - oder die Buchhalter oder die Börse - als "Gewinn" ansehen, ist ein echter Kostenfaktor. Es sind die Kosten, die zu zahlen sind, um im Geschäft zu bleiben, es sind die Kosten für eine Zukunft, in der nichts vorhersagbar ist. Das einzig Vorhersagbare ist, dass das gewinnstarke Unternehmen von heute zum weißen Elefanten von morgen werden wird. Deshalb bedarf es der Kapitalbildung und der Produktivität, um ,die reichtumerzeugende Kapazität der Wirtschaft zu wahren und vor allen Dingen die Arbeitsplätze der Gegenwart zu erhalten und die Arbeitsplätze der Zukunft zu schaffen.

Schumpeters "Innovator" mit seiner "kreativen Zerstörung" ist bis jetzt die einzige Theorie, die erklärt, warum es einen Faktor gibt, den wir als "Gewinn" bezeichnen. Die klassischen Nationalökonomen wußten sehr wohl, dass ihre Theorien keinerlei Erklärungsgrund für den Profit beinhalteten. In einer gleichgewichtigen Wirtschaft mit einem geschlossenen Wirtschaftssystem ist kein Platz für Gewinn, keine Rechtfertigung dafür, keine Erklärung dafür. Wenn der Gewinn jedoch ein echter Kostenfaktor ist und wenn der Gewinn insbesondere die einzige Möglichkeit zur Erhaltung von Arbeitsplätzen und zur Schaffung von neuen Arbeitsplätzen bietet, wird der "Kapitalismus" dadurch wieder zu einem moralischen System.

Die klassischen Volkswirtschaftler hatten darauf hingewiesen, dass der Gewinn als Anreiz für denjenigen, der ein Risiko eingeht, vorhanden sein muß. Es stellt sich die Frage, ob dies nicht eigentlich Bestechung ist und dadurch moralisch nicht zu rechtfertigen ist. Dieses Dilemma hat den brillantesten Nationalökonomen des 19. Jahrhunderts, John Stuart Mill, schließlich dazu veranlaßt, sich in seinen späteren Jahren dem Sozialismus zuzuwenden. Dies hat es Marx leicht gemacht, seine sachliche Analyse des "Systems" mit der moralischen Entrüstung eines Propheten des Alten Testamentes über die "Ausbeuter" zu verschmelzen. Die moralische Anfechtbarkeit des Gewinnanreizes ermöglichte es Marx, den "Kapitalisten" als schlecht und unmoralisch hinzustellen und "wissenschaftlich" geltend zu machen, dass er keiner Funktion diene und dass sein schneller Tod "unumgänglich" sei. Wenn man sich jedoch von dem Axiom einer unveränderlichen, in sich geschlossenen Wirtschaftsordnung abwendet und sich Schumpeters Theorie einer dynamischen, wachsenden, sich bewegenden und sich verändernden Wirtschaft zuwendet, ist das, was als "Gewinn" bezeichnet wird, nicht mehr unmoralisch. Gewinn wird zu einem moralischen Gebot. Dann stellt sich auch die Frage, die der Klassiker und auch Keynes so sehr beschäftigt hat, nicht mehr: Wie läßt sich die Wirtschaft so strukturieren, dass die Bestechung in Form des funktionslosen Überschusses, der "Profit" genannt wird und dem Kapitalisten gegeben werden muß, damit die Wirtschaft weiterläuft, minimieren? Die Frage in Schumpeters Wirtschaftstheorie lautet immer: Sind genügend Gewinne vorhanden? Ist eine adäquate Kapitalbildung vorhanden, um die Kosten der Zukunft begleichen zu können, die Kosten, die aufgebracht werden müssen, um im Geschäft zu bleiben, die Kosten der "kreativen Destruktion"?

Dadurch allein wird Schumpeters Wirtschaftsmodell zum einzigen Modell, das uns als Ausgangspunkt für die Wirtschaftspolitik dienen kann, die wir brauchen. Keynes und auch die Klassiker haben die Innovation als einen "Außenfaktor" behandelt, der nur am Rande der Wirtschaft eine Rolle spielt und auf die Wirtschaft nur einen minimalen Einfluß ausübt. Diese Behandlung läßt sich nicht länger aufrechterhalten (wenn sie überhaupt jemals gerechtfertigt gewesen ist). Die Grundfrage, die sich in der Wirtschaftstheorie und in der Wirtschaftspolitik in den industrialisierten Ländern stellt, lautet eindeutig: "Wie lassen sich Kapitalbildung und Produktivität aufrechterhalten, damit ein rapider technologischer Wandel möglich wird und gleichzeitig die Beschäftigung erhalten werden kann? Wie hoch ist der Mindestgewinn, der zur Abdeckung der Zukunftskosten erarbeitet werden muß? Wie hoch ist vor allen Dingen der Mindestgewinn, der erarbeitet werden muß, um Arbeitsplätze zu erhalten und neue Arbeitsplätze zu schaffen?"

Schumpeter hat darauf keine Antwort gegeben. Er war kein großer Freund von Antworten. Vor 70 Jahren aber, als sehr junger Mann, hat er die Frage gestellt, die zur zentralen Frage unserer Wirtschaftstheorie und Wirtschaftspolitik in den kommenden Jahren werden wird. Während des Ersten Weltkrieges hat Schumpeter lange vor allen anderen - und gut zehn Jahre vor Keynes - erkannt, dass sich die Wirtschaftsrealitäten änderten. Er erkannte, dass der Erste Weltkrieg zur Monetarisierung der Wirtschaftsordnungen sämtlicher am Krieg beteiligter Staaten geführt hatte. Sämtliche Länder, dazu gehörte auch sein eigenes, immer noch ziemlich rückständiges Land Österreich-Ungarn, hatten es während des Krieges geschafft, die gesamten flüssigen Mittel des Gemeinwesens teilweise auf dem Weg über Kriegsanleihen, zu mobilisieren. Die Wirtschaft wurde nicht mehr von Gütern und Dienstleistungen, sondern von Geld und Kredit bestimmt.

In einem brillanten Aufsatz, der im Juli 1918 in einer deutschen Wirtschaftszeitung veröffentlicht wurde - als die Welt, in der Schumpeter aufgewachsen war und die er gekannt hatte, um ihn herum zusammenbrach -, führte er aus, dass von da an Geld und Kredit den Kontrollhebel bilden würden. Er argumentierte damals, dass die Steuerung der Wirtschaft weder über das Warenangebot - wie die Klassiker argumentiert hatten - noch über die Warennachfrage, wie einige der früheren Meinungsabweichler behauptet hatten, gesteuert werde. Die Wirtschaftstätigkeit werde von nun an durch monetäre Faktoren - Defizite, Geld, Kredite, Steuern und die Allokation der Ressourcen determiniert. Auf gerade diese Einsicht hat Keynes später seine Allgemeine Theorie aufgebaut. Schumpeter kam aber zu radikal anderen Schlußfolgerungen als Keynes. Keynes kam zu dem Schluß, dass das Entstehen der von Geld und Kredit bestimmten "Symbolwirtschaft" den "Ökonomen zum König" mache und es dem Volkswirtschaftler ermögliche, auf einer einfachen monetären Klaviatur zu spielen - Staatsausgaben, Zinssätze, Kreditvolumen oder Geldumlaufmenge - und so ein ewiges Gleichgewicht mit Vollbeschäftigung, Wohlstand und Stabilität zu erzielen. Schumpeter aber kam zu einem ganz anderen Schluß. Das Entstehen der "Symbolwirtschaft" als wirtschaftsdominierender Faktor öffne der Tyrannei Tür und Tor, ja lade sie geradezu ein. Dass sich der Wirtschaftswissenschaftler nun für selbst unfehlbar erklärte, betrachtete er als pure Hybris. Vor allen Dingen aber sah er, dass nicht Volkswirtschaftler die Macht ausüben würden, sondern Politiker und Generale. Noch im selben Jahr, kurz vor Ende des Ersten Weltkrieges, veröffentlichte Schumpeter Der Steuerstaat.

Hier kommt er wiederum zur selben Erkenntnis wie Keynes 15 Jahre später (was Keynes oft anerkannt hat): Der moderne Staat hat durch den Mechanismus der Besteuerung und Schuldenaufnahme Macht gewonnen, eine Einkommenssteuerung vorzunehmen und durch "Transferzahlungen" die Verteilung des Sozialproduktes zu steuern. Für Keynes war diese Macht ein Zauberstab, mit dem sich soziale Gerechtigkeit und Wirtschaftsfortschritt und gleichzeitig Wirtschaftsstabilität und Fiskalverantwortung erreichen ließen. Für Schumpeter war diese Macht eine Einladung zur politischen Unverantwortlichkeit, weil sie sämtliche Schutzmechanismen der Wirtschaft gegen die Inflation beseitigte. Es lag vielleicht daran, dass er sich, anders als Keynes, sehr intensiv mit Karl Marx beschäftigt hat. In der Vergangenheit konnte der Staat nur einen sehr kleinen Anteil des Bruttosozialprodukts als Steueraufkommen für sich in Anspruch nehmen. Er konnte auch nur einen sehr kleinen Teil des Reichtums eines Landes beleihen. Dadurch wurde die Inflation von selbst begrenzt. Der nun verbleibende einzige Schutz gegen die Inflation würde ein politischer Faktor sein, d.h. Selbstdisziplin. Und Schumpeter war nicht besonders zuversichtlich, was die Selbstdisziplinierungsfähigkeiten der Politiker anging.

Schumpeters wissenschaftliche Arbeiten nach dem Ersten Weltkrieg sind von außerordentlicher Bedeutung für die Wirtschaftstheorie. Er ist zu den Vätern der Konjunkturtheorie zu rechnen.

Schumpeters eigentlicher Beitrag während der 32 Jahre zwischen dem Ende des Ersten Weltkrieges und seinem Tod im Jahre 1950 lag jedoch in seiner Arneit als politischer Ökonom. Im Jahre 1942, einem Jahr, in dem alle Welt eine weltweite deflationäre Depression fürchtete, veröffentlichte Schumpeter sein bekanntestes Werk, Capitalism, Socialism, and Democracy, das immer noch häufig gelesen wird und dies auch verdient. In diesem Buch führte er aus, dass sich der Kapitalismus durch seine eigenen Erfolge zerstören würde. Daraus würde eine heute sogenannte "neue Schicht" entstehen: Bürokraten, Intellektuelle, Professoren, Juristen, Journalisten. Sie alle seien Nutznießer der Wirtschaftsfrüchte des Kapitalismus und würden sich wie Parasiten von ihnen ernähren. Dennoch seien sie alle gegen das Ethos der Erzeugung von Wohlstand, gegen das Sparen und gegen die Zuteilung von Ressourcen an die Wirtschaft zur Erzeugung wirtschaftlicher Produktivität. In den 40 Jahren, seitdem dieses Buch erschienen ist, hat sich so bewiesen, dass Schumpeter ein echter Prophet war.

Er führte weiter aus, dass der Kapitalismus durch gerade die Demokratien zerstört werde, die den Aufbau des Kapitalismus erst ermöglicht haben. Wenn eine Demokratie populär sein soll, müsse die Regierung nämlich das Einkommen immer mehr vom Produzenten zum Nichtproduzenten umverteilen und Einkommen von den Stellen, an denen es gespart wird und zum Kapital von morgen werden soll, abziehen und an Stellen umverteilen, an denen es konsumiert wird. Eine demokratische Regierung würde einem wachsenden Inflationsdruck ausgesetzt werden. Letzten Endes, so lautet seine Prophezeiung, werde die Inflation die Demokratie ebenso zerstören wie den Kapitalismus.

Als er dies im Jahre 1942 schrieb, hat fast jeder gelacht. Nichts schien unwahrscheinlicher als eine Inflation auf der Grundlage wirtschaftlichen Erfolges. Heute, 40 Jahre später, ist gerade dies zum zentralen Problem der Demokratien geworden und der freien Marktwirtschaft geworden, genauso wie Schumpeter es prophezeit hatte. Die Keynesianer haben uns in den vierziger Jahren in ihr "gelobtes Land" geführt, in dem König Nationalökonom das perfekte Gleichgewicht einer auf ewig stabilen Wirtschaft durch die Steuerung von Geld, Kredit, Ausgaben und Steuern garantiert. Schumpeter beschäfdtigte sich jedoch zunehmend mit der Frage, wie die öffentliche Hand gesteuert und begrenzt werden könne, um politische Freiheit zu bewahren und eine leistungs-, wachstums- und änderungsfähige Wirtschaft aufrechtzuerhalten. Als ihn der Tod an seinem Schreibtisch ereilte, arbeitete er gerade an seiner schriftlichen Fassung der Präsidentenrede, die er nur wenige Tage zuvor vor der American Economic Association gehalten hatte. Der letzte Satz, den er schrieb, lautete: "Die Stagnationsanhänger liegen falsch in ihrer Diagnose der Gründe für die Stagnation des kapitalistischen Prozesses; es mag aber durchaus sein, dass sie in ihrer Prognose, dass er stagnieren wird, recht behalten werden - mit genügender Hilfe vom öffentlichen Sektor."

Keynes' bekanntester Spruch lautet: "Auf lange Sicht sind wir alle tot." Dies ist eine der einfältigsten Bemerkungen, die je gemacht wurde. Natürlich werden wir, auf lange Sicht gesehen, alle tot sein. In einem etwas erleuchteteren Augenblick hat Keynes jedoch auch bemerkt, dass die Taten der Politiker der Gegenwart gewöhnlich auf den Theoremen von schon lange gestorbenen Volkswirtschaftlern basieren. Es ist ein völliger Trugschluß, dass, wie Keynes impliziert, eine Optimierung des Kurzzeitbereiches zur richtigen Langzeitentwicklung in der Zukunft führen werde. Keynes ist in hohem Maße für die extrem kurzfristige Orientierung der modernen Politik, der modernen Wirtschaftstheorie und der modernen Wirtschaftstätigkeit verantwortlich. Es ist genau diese kurzfristige Orientierung, die heute mit beträchtlicher Rechtfertigung als große Schwäche der amerikanischen Entscheidungsträger in der Regierung ebenso wie in der Wirtschaft gilt.

Auch Schumpeter wußte, dass die Politik kurzfristig stimmen muß. Dies hat er am eigenen Leib verspüren müssen - als Finanzminister in der neugegründeten österreichischen Republik, in der er ohne Erfolg versuchte, der Inflation Einhalt zu gebieten, bevor sie außer Kontrolle geriet. Er wußte, dass er gescheitert war, weil seine Maßnahmen im Kurzfristbereich nicht akzeptierbar waren. Es waren ausgerechnet dieselben Maßnahmen, die der Nichtwirtschaftswissenschaftler, der Politiker und Professor für Moraltheologie, Ignaz Seipel, zwei Jahre später einsetzte, um die Inflation aufzuhalten. Dies aber gelang erst, als die Wirtschaft Österreichs und seine Mittelschicht schon zerstört waren.

Schumpeter wußte aber auch, dass die Kurzfristmaßnahmen der Gegenwart langfristige Auswirkungen zeitigen. Sie schaffen die Zukunft - unwiderruflich. Es ist verantwortungslos, nicht die zukünftigen Ereignisse durchzudenken, die aufgrund von Kurzfristentscheidungen eintreten, und nicht die Auswirkungen zu untersuchen, die erst dann eintreten werden, wenn wir "alle schon tot sind". So etwas führt nur zu Fehlentscheidungen. Dass Schumpeter immer wieder darauf hingewiesen hat, dass man die langfristigen Konsequenzen durchdenken muß, wie immer auch das Kurzfristige uns tunlich, populär, schlau und brillant erscheinen mag, macht ihn zum großen Wirtschaftswissenschaftler und zum geeigneten Lenker für die Gegenwart. Denn heute steht ja die kurzfristige, schlaue, brillante Wirtschaftspolitik und kurzfristige, schlaue, brillante Politik überhaupt vor dem Bankrott.

Auf gewisse Weise haben Keynes und Schumpeter die bestbekannte Konfrontation zwischen Philosophen nach westlicher Tradition neu aufgelegt. Ich meine den platonischen Dialog zwischen Parmenides, dem brillanten, schlauen, unwiderstehlichen Sophisten, und dem langsamen und häßlichen, aber weisen Sokrates. In den Jahren zwischen den Kriegen war niemand brillanter, war niemand schlauer als der Überflieger Keynes. Schumpeter machte im Vergleich dazu den Eindruck eines langweiligen Prosaikers und Fußgängers - aber er besaß Weisheit. Schlauheit regiert den Tag. Die Weisheit aber bleibt bestehen.

Peter Drucker

>> Download "Propheten für unsere Zeit: Schumpeter und Keynes?"
(p_drucker_proph.pdf)

<< Zurück zur Übersicht "Texte von Peter Drucker"